Bande de Coquins über den Gottesdienst in The Church

Haus Gottes

Zuletzt an einem Gottesdienst waren wir als dreizehnjährige Ministranten, und die Predigt war so langatmig, dass wir beim Weihrauchschwingen einen Schwächeanfall vortäuschten und nach Hause gingen. Seither stehen wir höchstens noch in imposante Kirchen, um Fresken anzuschauen. Vergangenen Sonntag gaben wir Gott wieder eine Chance. In der Kunsthalle.

Seit Dezember findet dort jeden Sonntag ein Gottesdienst statt. Die wöchentliche Predigt ist Teil der «Church» Ausstellung des New Yorker Künstlers Rob Pruitt, der in den 90er Jahren erst hochgejubelt, und nach einer skandalösen Ausstellung jahrelang totgeschwiegen wurde. Inzwischen hat ihm der Kunstmarkt vergeben, Pruitt tanzt wieder auf dem Parkett zwischen Populärkultur und politischer Satire, und die reformierte Kirche tanzt mit. Deren Vertreter wollten sich zum 500 Jahre Jubiläum mit einer Kunstausstellung beschenken. Daniel Baumann, Kurator der Kunsthalle, schlug vor, Pruitt nach Zürich und die Kirche ins Museum zu bringen. Zu Raffaels und Michelangelos Zeiten förderte die Kirche die Künstler; heute fungieren Museen als die Häuser Gottes.

Und so stehen wir kurz vor Messebeginn vor einem 35 Meter langen Vorhang im Löwenbräu Areal, bedruckt mit einem farbigen Mosaik aus Bildern, die Pruitt beim Googeln von «Spiritualität» fand. Je nach Lichteinfall wirkt der Vorhang wahlweise wie ein merkwürdiger Bettbezug oder ein ziemlich verrücktes Kirchenfenster. Zu sehen sind Barack Obama, Jim Carrey, indische Göttinnen, zugekleisterte Autos, Mutter Theresa, Homer Simpson. Auf einem Tisch stehen Gläser, ein paar Flaschen Rotwein und frische Laibe Brot. So schlimm kann es nicht werden.

Wir sind etwa zwanzig Leute, die im Halbkreis auf silbernen Stühlen sitzen. Neben uns sitzt ein junges Paar, er mit Schnauz und Switcher Pulli, sie mit runder Brille und wilden Haaren. Unser Pfarrer trägt einen hellen Blazer und den zahmen, verständnisvollen Blick, den nur Pfarrer haben. Über die nächsten fünfzig Minuten zeigt er uns widersprüchliche Passagen in der Bibel und fordert uns zum Nachdenken über unsere eigenen Widersprüche auf. Wir fühlen uns wie die unfreiwilligen Protagonisten einer Kunstperformance, oder die Teilnehmer einer Gruppentherapie. Die Atmosphäre ist elektrisiert und beklemmend zugleich. Wir trauen uns nicht, auch nur einen Blick auf unser Handy zu werfen, aus Ehrfurcht vor dem Allmächtigen – und der Angst, etwas zu verpassen.

In den heimischen Kirchen fiel es uns immer schwer, uns auf das Gesagte zu konzentrieren. Zu dominant war die unsichtbare Last der Sünden, zu ernst die Blicke, zu unterwürfig die Bewegungen. Aber von Kunstwerken umgeben wird die Predigt zur intellektuellen Auseinandersetzung. Der junge Typ mit dem Schnauz schenkt lachend Rotwein aus, ein anderer verteilt frisches Brot. Wir ertappen uns dabei, wie unser Blick über Pruitts Vorhang wandert und wir uns fragen, inwiefern sich die Worte des Pfarrers von platten Yogi-Zitaten unterscheiden. Je länger wir darüber nachdenken, desto dringlicher wird das Bedürfnis nach einem zweiten Glas Wein.

Wir greifen nach dem Fanzine, dass Pruitt für die Ausstellungsbesucher anfertigte. Es ist eine Liste von Forderungen, von Tanzen zu Verkehrslärm bis zur Bestellung eines DNA-Tests. Auf der Titelseite forderte er, die Kirche ins Museum zu bringen - und machte damit aus einem Gottesdienst eine Performance. Aber das ist nur die Hälfte seiner Aufforderung: Er möchte auch die Kunst in der Kirche sehen. Macht sie das zur Religion?

Von Bande de Coquins