Churchgoerin Gabrielle: «Non-Sites – Churchgoer-Blog und andere Beichtstühle»

The Church von Rob Pruitt habe ich mir soweit aufgespart wie die Kirche als Glaubensort zuvor ganz allgemein. Man ging irgendwie nur hin, wenn man musste: zu einem speziellen, meist rituellen Anlass, adrett frisiert und drapiert – jedenfalls in meiner christlichen, römisch-katholischen Sozialisierung im mittleren Westen des Kantons Aargau. Obwohl mir der Kunsthalle-Newsletter und andere Veranstaltungsplattformen nicht nur die Vernissage, sondern seither zahlreiche Gottesdienst, Konzerte und (Selbst-)Lerninitiativen ans Herz legten, ich schob es raus. Durchaus im Wissen darum, dass meine Zeit als Churchgoerin noch kommen würde. Trotzdem hatte mich dieses aufgeschobene Engagement irgendwie neugierig gemacht, und zwar auf die Kirchenräume Zürichs, die ich auf meinen täglichen Wegen von A nach B seit Jahren eher unbewusst links liegen liess.

Für KunsthistorikerInnen oder MittelalterarchäologInnen wohl nicht ganz unüblich, kenne ich so einige Kirchenräume verstreut über zwei handvoll Städte in Europa und in ein, zwei anderen Kontinenten als Architekturen, Kunstwerke und Orte der Repräsentation oder Anbetung, manchmal der Einkehr. Nichts Angenehmeres als an einem flirrenden Sommertag in Marseille, Arles, Malaga, Rom, Venedig, Tokio, Hanoi oder Memphis durch schwere Portale in die behäbigen Gemäuer hineinzuschlüpfen, um in lichtdurchfluteter oder zwielichtiger (Weihrauch-)Atmosphäre zur Kühlung umherzuwandeln. Bis sich die Anonymität der Besucherin auflöst, die Ströme der TouristInnen zu drängend werden, alle Malereien, Sandsteinkapitelle oder modernistischen Betonmauern erkundet sind, sich der Machtapparat an der Grenze von Ein- und Ausschluss ins Bewusstsein drängt.

Aber wie steht es mit den Kirchen Zürichs, die jeden Samstag Abend um 18 Uhr mit Geläut über die Dächer der Quartiere schallen? Wie fühlen sie sich an und überhaupt, was geht da eigentlich vor sich, auch ausserhalb des Protokolls? Anstatt mir Pruitts The Church im Löwenbräu Areal vorab und in der Gemeinschaft anzueignen, drückte ich mich singulär in der Josefskirche, der Guthirtkirche, der Liebfrauenkriche, in der Pfarrei St. Jakob am Stauffacher herum, je nachdem wie es sich gerade ergab. Ich erwischte, gar nicht unähnlich zu den eher fachmotivierten Erfahrungen, meist eine Zeit ausserhalb des kirchlichen Tagesprogramms. Einmal übte eine Pianistin und vergewisserte sich darauf, ob mir denn die Lautstärke ihres E-Pianos angemessen schiene. Ein andermal wurde ich Zeugin einer beeindruckenden Orgelkonzertprobe, während emsige Kirchenmitglieder sich gegenseitig begrüssten, um den Ort für einen Abendgottesdienst vor Weihnachten zu schmücken. Ich blieb Beobachterin mit dem vagen Gefühl irgendwie, mehr oder weniger unfreiwillig, ein Teil des grösseren Unterfangens Glaubensgemeinschaft zu sein. Am ungewöhnlichsten kam mir St. Jakob vor, da ich reformierte Kirchen in Zürich bisher noch weniger aufsuchte. Der Empfangsraum erinnert an eine Beratungsstelle, den relativ schmucklosen Hauptsaal konnte ich in mein Kirchenvokabular schwer einordnen. An allen Orten vernahm ich auf ebenso unprofessionell wie corporate gedruckten Handzetteln oder in Broschüren (deren Anzahl sich insgesamt nur im dreistelligen Bereich schätzen lässt) von den Unternehmungen der Gemeinschaften zum Wohle ihrer selbst und anderer. Manche boten auch einen Gebetszettel auf den Weg an.

Wie ich gestern Abend endlich in Rob Pruitts The Church kam, fand ich mich mit den Aufsichten und einer im oberen Stockwerk der Kunsthalle Zürich zu einer Führung peripher versammelten Gruppe Menschen wieder. Nicht allein, doch irgendwie verbunden über unser aller Involvierung und Interesse an der Kunst. Es handelte sich um einen sehr lauen Frühjahrsabend und uns allen war klar, dass die Schäfchen unter diesen Bedingungen nicht zwingend in Pruitts The Church strömen würden.

Der reformierte Kirchengedanke ist mir geistesgeschichtlich zwar näher, erfahrungstechnisch sind es aber gleichwohl die verwaisten (?) Beichtstühle katholischer Kirchen, die mich ambivalent faszinieren. Ist der Churchgoer-Blog auch eine Art Beichtstuhl? – Nur insofern hier im Ungewissen bleibt, wohin das Gesagte eigentlich verhallt, auch wenn es in zielgerichtetem Glauben geäussert wurde? Absolution erhoffe ich mir jedenfalls keine, Busse will ich auch nicht tun, daher hinkt der Vergleich wohl...

«Look what I’ve done» aus Pruitts T-Shirt Collection abfotografiert aus dem aufliegenden Katalog

«Look what I’ve done» aus Pruitts T-Shirt Collection abfotografiert aus dem aufliegenden Katalog.
Foto: Gabrielle Schaad