Das Buch von hinten gelesen

Ich gebe es zu. Ich gehöre zu den Lesern, die eine Zeitschrift oder ein Ausstellungskatalog gerne zuerst einmal von hinten nach vorne durchblättern (das Impressum offenbart das eine oder andere). Die Publikation zur Ausstellung von Tobias Madison torpediert mein eigentümliches Leseverhalten, denn sie stellt die herkömmliche Form eines Buches gehörig auf den Kopf – wie es die Ausstellung des Künstlers in der Kunsthalle Zürich 2013 bereits mit dem Format der Einzelausstellung tat. 

Ich beginne also von hinten und bin bereits mitten drin: Ich treffe auf ein Gespräch des Künstlers mit Bruce Hainley, auf ein weiteres mit Beatrix Ruf sowie auf einen Text von John Beeson. Zur Mitte hin gelange ich dann zum eigentlichen Ende, denn es folgen hier die Informationsanhänge: Biografie, Bibliografie, Veranstaltungsliste, Werklisten (denn die Schau strukturierte sich in zwei Phasen) und Impressum reihen sich aneinander. Ich blättere weiter nach vorne und treffe auf eine umfangreiche Sequenz von mal einzelnen Elementen auf weissen Seiten, mal Namen und Daten, dann wieder abgedruckte Email-Newsletter der Kunsthalle, die dem Datum zufolge während der Ausstellung versandt wurden. Der sich ebenfalls mittig befindende Epilog zum Buch verrät, was es mit dieser Sequenz auf sich hat: Für die zur Ausstellung stattfindenden Clubnächte hatte der Künstler Mathis Altmann Ankündigungsposter geschaffen, die im Eingangsbereich präsentiert worden waren. Er hatte dafür mit Layoutvorlagen gearbeitet, die online für jedermann frei zugänglich sind und deren verschiedene Ebenen sowie frei füllbaren Schriftfenster Altmann für seine Poster dekonstruierte und zu seinen Zwecken einsetzte. Diese Poster haben Madison und der Grafiker Dan Solbach nun wieder in ihre einzelnen Schichten seziert und offenbaren so deren Entstehungsprozess. In den Newlettern, die während der Dauer der Ausstellung die verschiedenen Veranstaltungen ankündigten und sich – ausgedruckt am heimischen Computer – zu einer ephemeren Publikation entwickelten, hatte Madison einen kontinuierlich fortgeschriebenen Text entwickelt und weitere, mit dem Projekt assoziierte Inhalte verbreitet. Ein Buch im Buch sozusagen. Ich bin vorne angelangt und hab das Buch richtig gelesen – irgendwie.

Rahel Blättler
28.07.2015