Der Malerfürst

von Yannic Joray

 

So sass nun alles und war still; der schwerlötige Bürgermeister lässt sich ein letztes Räuspern nicht nehmen, die Philister und Kaufleute im Rücken umsichtig tuschelnd.
Zehn emsige Schulmädchen ziehen toll eingeübt, den doch gewichtigen Velours.

Auftakt, die Jugendjahre.

Der Impertinenz des Intendanten geschuldet, werden wir sogleich mit der Stimme des jungen Helden vertraut: «Ich habe keine Rolle und will einfach nur euren Nerv strapazieren!» Er hüpft hervor gen’ die Zuschauer, hält einen Pinsel wie ein Wilder seinen Prügel, und ungestüm in der Zweiten, einen schwappenden Bierkrug voll, muss wohl dergestalt ein angeheiterter Anstreicher sein oder wie sich noch herausstellen möge, dem Burschen bereits zum Kopfe gestiegen, als Malerfürst erkoren.

«Die Gemälde in den werten Museumshäuser sind allesamt braun getüncht», lässt der Held uns erkennen, «deshalb habe ich meinen Erstling auch ganz in braun gehalten.» Und fährt critisierend fort: «Ich will Klärung schaffen, sehen Sie, ein Bild muss so hässlich sein, wie die Verhältnisse es nunmal sind!» Ob diesem unflätig fäkalen Ansinnen irritiertes Gelächter.

Im Hintergrund blinzeln die tausend Augen einer dämmernden Großstadtkulisse. «Aber damit nicht genug, seht her!» Eingespannt auf einer Staffelei mit Räderwerk, wird eben dieser braune Erstling von einer ganzen Meute von palaverndem Volk in lässigen Lumpen auf die Bühne hochgehieft. Der Orchestergraben schwelgt.

Es folgt ein Reigen von Narzissen, allesamt kleine Spiegelchen vor dem Haupte hertragend, ein beschauliches Lichterspiel streift den Saal. Langsam klimmt die Melodie, die Häupter sich neigend, dem Helden welk entgegen. Dieser greift sich die Gaben und vollendet sein Werk, so wie er die Spiegelchen in die Ölfarbe wie ein Mosaik verputzt.

Der erste Akt war geendet; die Zuschauer begierig, was nun weiter vorgehen sollte.

Zweiter Akt, die Wanderjahre.

Kaum haben sich die Leut auf ihren angestammten Reihen wieder gefunden, lässt der Held uns bedenken: «Ach, die Schaffenskrise hält mich schwer, gerade in meinem dreiunddreissigsten Jahre schon, die Spiegelbilder verfertigt, verkauft und nun?» «Abstrahieren zu können, von dem was einem so umgibt, das lässt sich mit dem hergebrachten Culturbegriffe wohl nur schwerlich tun. Soll der Krise Quell sich zeigen, auf Wegen, die die andern Wandrer meiden!»

Die Siegeshöh erklommen, das Spanische Segovien, es soll die Wahlheimat heissen. Aber wie es auf ein ästhetisch derart empfängliches Gemüt wirken muss, die Gassen des einst prächtigen Städtchens, verschandelt mit allerlei schrillem Plakatwerk. «Hinfort, eure Versuchung überkommt mich nimmer!» Und spricht die Worte wie von Sinnen: «Nicht ein Spiegel gehört euch vorgehalten, ein Bannbild soll es mit euch richten!» Ein Schritt und zwei nach hinten, statt dem Pinsel nun die Klinge drohend gezückt, so zerschneidet der Held entschlossen die Staffage und collagiert das Bühnenbild ganz vom Grunde auf neuartig.

Stille. Einer qualmt Tobak.

Dritter, die Meisterjahre

Allein in der Waldblöße, einzig ein Käuzchen gurrend im Dickicht. Von weltlich Getümmel abgeschieden, lobpreisend der Held im Gewand des Anachoreten:
«Nun, ich habe mich zur Vertiefung in die Bergwelt zurückgezogen, mich nicht von naseweisen Magistern und scheinheiligen Pfaffen beirren, sondern den urwüchsigen Gestalten des Erdenreich eines Besseren belehren lassen.» «Ein Baum, was für ein profanes, kindisch Motiv hör ich den Spott; Aber es gibt keine noch so phantastische Gestalt, welche dies erhabene Geschöpf nicht füglich unter seinen Principien subsumiert. Sich an seiner mannigfaltigen Erscheinung, den Wurzeln, Achsen und Kronen abzuarbeiten, ist einzig eines wahren Meisters Arbeitswillen würdig.» Und fährt fort: «So bin ich nun, nach all den zächen Jahr, den Umschweifungen und dem Müssiggang zum genügsamen Naturfreund, zum ausdauernden Waldläufer gewandelt, der mit spartanisch Behülfsmittel strahlend Wirkkraft entfaltet.»

Das Stück ist geendet, es folgen die Vorbereitungen zum Nachspiel.