Die Avantgarde im georgischen Theater

Text von Ketevan Shavgulidze

Die neusten Experimente, Prozesse und Vorgehensweisen der Avantgarde beeinflussten und veränderten in den 1920er Jahren das Theater und deren Bühnenbildner. Langsam aber sicher fanden avantgardistische Bewegungen wie Kubismus, Futurismus, Kubo-Futurismus und Konstruktivismus ihren Weg auf die Bühne.

Unter der Leitung des einflussreichen Regisseurs Kote Marjanshvili fanden junge Künstler wie Irakli Gamrekeli, Petre Otskheli, David Kakabadze und Hélén Akhvlediani im georgischen Theater zusammen. Auf der Suche nach neuen Grundsätzen für das Bühnenbild entwarfen diese jungen KünstlerInnen originelle Szenografien, welche später auch im russischen und westeuropäischen Theater Verbreitung fanden. Diese von hoher Experimentierfreudigkeit geprägte Zeit veränderte das georgische Theater grundlegend und mit ihm die Kunst des Bühnenbildes. Abstrakte Formen, bewegliche Elemente und interaktive Skulpturen ersetzten statische Objekte, die bislang als fixe Komposition auf der Bühne angeordnet worden waren. Das Bühnenbild wurde so zum «stage action design».


Bühnenbild von Irakli Gamrekeli zu Ernst Toller, Masse Mensch (Man and the Masses), Rustaveli Theater, Tbilisi, 1923.

Bis in die 1920er Jahre hatten malerisch-pittoreske Abbildungen, zum Beispiel von Landschaften, das Bühnenbild beherrscht. Diese benutzten die traditionelle Perspektive mit Fluchtpunkt. An ihre Stelle traten nun mehrere simultane Bühnenbildkonstrukte. Diese Strukturen ähnelten einer Montage und bestanden aus einfachen und geometrischen Elementen. Das neue Bühnenbild war dynamisch, alles bewegte sich auf der Bühne und nichts blieb statisch. Die einzige Konstante war die Veränderung; also die vielzweckigen Bühnenstrukturen.


Anzori, Bühnenbild von Irakli Gamrekeli für Sandro Shanshivshvilis Adaption von Wsewolod Iwanows Panzerzug 14-69, Rustaveli Theater, Tbilisi, 1930.

In den Aufführungen, welche von Irakli Gamrekeli gestaltet wurden, wie beispielsweise in Londa, Maelshtrom, Masse Mensch, und Anzori war das Bühnenbild mittels abstrakten Formen und Flächen organisiert. Diese abstrahierte Darstellung über das Stück und die dort stattfindende dynamische Handlung wurde zu einem Ganzen zusammengefügt. In Petre Otskhelis Bühnenbilder für Uriel Akosta, Beatrice Cenci, und Othello kamen architektonische Basiselemente wie Säulen, Treppen und Viadukte zum Einsatz. Diese schlichte und lakonische Bühnenbildnerei drückte eine «neue Realität» aus, wie sie sich aus einigen Bruchstücken bauen liess. Sie ersetzte die Idee, dass eine Bühne die Realität kopieren oder ein Theaterstück illustrieren sollte.


Skizze von Petre Otskhelis für sein Bühnenbild von Kote Marjanshvilis Inszenierung von Othello, Tbilisis, 1933. 

Gegen Ende der 1920er Jahre übertrugen Künstler wie David Kakabadze, Hélén Akhvlediani, aber auch russische und deutsche Bühnenbildner diese neuen Ideen und Vorgehensweisen auf die Filmleinwand. Für Theaterstücke aufgenommene Filmszenen wurden während des Theaters auf Leinwänden gezeigt. Die Handlung auf der Bühne vollzog sich somit auf zwei Projektionsflächen; einmal auf der Leinwand und einmal auf der Bühne. Spielte sich eine Handlung in den Filmszenen ab, so wurde diese vom Schauspieler aufgenommen und dann auf der Bühne weiterverfolgt. Umgekehrt galt das Gleiche: Eine Handlung auf der Bühne wurde auf der Leinwand aufgegriffen und filmisch fortgesetzt.

So wurde die Filmleinwand in Dramaturgie und Kunst zu einem ausdrucksstarken Werkzeug. Sie löste Probleme in der räumlichen Gestaltung der Bühne, betonte wichtige Handlungsstränge innerhalb der Erzählung und erweiterte und bereicherte den künstlerischen Ausdruck der Aufführung.
Die von den avantgardistischen Künstlern eingeführten neuartigen Techniken des Bühnenbaus trugen entscheidend zur Weiterentwicklung des georgischen Theaters bei. Es ist ihren Einflüssen zu verdanken, dass sich diese Art der «visuellen Regie» im georgischen Theater als neuen Standard etablierte. Dies führte auch zu einer Neubewertung des Künstlers und Bühnenbildners überhaupt: Sie waren nicht mehr nur die Gestalter der Bühne, sondern wurden zu Co-Autoren der Aufführung.


Installationsansicht mit einem Wandbild von Irakli Gamrekelis Bühnenbild zu Die Räuber und Anzori, Georgischer Modernismus: Die Fantastische Moderne, Kunsthalle Zürich, 2018.
Foto: Lucas Ziegler