Offener Brief zum Frauen*streik

Am 14. Juni 2019 findet ein nationaler Frauen*streik statt. In der ganzen Schweiz legen Frauen* ihre Arbeit nieder, demonstrieren oder beteiligen sich mit symbolischen Akten am feministischen Streik. Der Streik richtet sich an die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und fordert, dass die seit 1981 gesetzlich verankerte Gleichstellung von Männern und Frauen endlich alltägliche Realität wird.

Eine Forderung im Streikappell richtet sich ganz gezielt an Kunstinstitutionen wie die Kunsthalle Zürich: «Im Laufe der Geschichte bis heute wurden wir meistens unsichtbar gemacht, die Titel und Ehrungen als ‹grosse Künstler› blieben den Männern vorbehalten. Wir fordern, dass über geschlechtsbezogene Diskriminierungen in Kulturinstitutionen wie auch in den öffentlichen Einrichtungen und Ausbildungsstätten breit und offen informiert wird.»[1]

Es ist sicher ein Anfang, wenn wir darüber sprechen, welche künstlerischen Positionen wir zeigen und welchen Stimmen und Sichtweisen wir im Programm Platz bieten. Damit ist es aber nicht getan. Die Kunsthalle Zürich fügt sich mit dem Ausstellen und Vermitteln von zeitgenössischer Kunst in einen globalen Kunstbetrieb ein, der ganz verschiedene Formen der Unterdrückung kennt. Die oft miserablen Arbeitsbedingungen, unter denen Assistent*innen in Studios arbeiten, das enorme hierarchische Gefälle in Galerien und die Deutungshoheit einer Kunstgeschichte, die von weissen Männern geschaffen wurde, sind nur wenige Beispiele davon.

Künstlerinnen und Kulturschaffende rund um Sadie Coles, Cindy Sherman, Anicka Yi, Helen Marten, Coco Fusco, Suzanne Cotter und Sarah Munro verfassten 2017 einen offenen Brief und den Hashtag #NOTSURPRISED. In ihrem Brief schreiben sie: «Viele Institutionen und Individuen, die eine Machtposition in der Kunstwelt besitzen, befürworten öffentlich die Rhetorik von Feminismus und Gleichberechtigung. Zuweilen profitieren sie sogar finanziell von der fadenscheinigen Behauptung progressiver Ansichten, während sie in der Praxis zugleich unterdrückende und gefährliche sexistische Normen aufrechterhalten. Der Rücktritt eines Verlegers eines renommierten Magazins löst nicht das grössere, viel bedrohlichere Problem: eine Kunstwelt, die vererbte Machtstrukturen auf Kosten ethischen Verhaltens aufrechterhält.»[2]

Dieser Beschreibung stimmen wir zu. Wir erkennen an, dass es die reelle Gefahr gibt, dass wir als Institution progressive Positionen vor allem nach aussen vertreten, ohne sie zu reflektieren und zu leben. Es reicht nicht, wenn in den Ausstellungen und Veranstaltungen der Kunsthalle Zürich feministische Themen behandelt werden.  Die Auseinandersetzung mit Gleichberechtigung muss auch innerhalb der Organisation stattfinden – etwa indem wir unsere Arbeitsstrukturen durchleuchten und diskutieren, welche Haltung wir im gesellschaftlichen Diskurs als Kunstinstitution einnehmen möchten. Die Diskussion geht weit über den Frauen*streik hinaus, der Tag ist allerdings ein guter Anlass, um den Stein ins Rollen zu bringen.

Deshalb hier drei konkrete Forderungen:

  • Wir fordern, dass sich die Kunsthalle Zürich zu einer feministischen Denkweise bekennt und sie in allen Prozessen umsetzt.
  • Wir fordern, dass gendergerechte Sprache in den Richtlinien zur Kommunikation der Kunsthalle Zürich festgeschrieben wird.
  • Wir fordern, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unabhängig vom Geschlecht strukturell verankert wird. Dazu gehören unter anderem ein bezahlter Vaterschaftsurlaub von mindestens zwei Wochen und eine verbindliche Vereinbarung über flexible Arbeitszeiten.

Wir verfassen diesen Brief aus einer privilegierten Position heraus, denn wir fühlen uns in der Kunsthalle Zürich unter der derzeitigen Leitung sehr wohl und in unseren Anliegen unterstützt. Gerade weil wir im Arbeitsalltag weitgehend Gleichbehandlung erleben, möchten wir sicherstellen, dass diese auch in Zukunft gegeben ist. Unsere Forderungen richten sich daher explizit an die Institution der Kunsthalle Zürich; denn nur ein struktureller Wandel kann sicherstellen, dass Themen wie Gleichstellung, Chancengleichheit und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Zukunft nicht von einzelnen Entscheidungsträger*innen abhängig ist.

Im September 2019 werden wir eine interne Diskussionsrunde starten, zu der in einer ersten Runde alle Mitarbeiter*innen der Kunsthalle Zürich (egal welchen Geschlechts) eingeladen sind, um darüber zu sprechen, wie wir diese und weitere Forderungen realisieren können.

Zürich, Juni 2019

 

Unterzeichnet von:

Michelle Akanji (Presse, Kommunikation & Events), Joëlle Allet (Technik), Anneka Beatty (Kasse), Luca Caluori (Aufsicht), Rebecka Domig (Exhibition Management), Seline Fülscher (Kunstvermittlung), Barbara Gerber (Sponsorship & Development), Julia Mangisch (Leiterin Kasse), Konstantinos Manolakis (Kasse), Carol May (Technik), Monika Milakovic (Head of Administration), Gregory Polony (Technik), Jessica Pooch (Technik), Joke Schmidt (Kasse), Sally Schonfeldt (Aufsicht), Dan Solbach (Grafiker), Johanna Vieli (Assistenz), Michael Zimmermann (Kasse)

 


[1] Online abrufbar unter frauenstreik2019.ch, Stand: 5.6.2019

[2] «Many institutions and individuals with power in the art world espouse the rhetoric of feminism and equity in theory, often financially benefitting from these flimsy claims of progressive politics, while preserving oppressive and harmful sexist norms in practice. »

Online abrufbar unter not-surprised.org, Stand: 5.6.2019

Michelle Akanji
13.06.2019