Pauline Boudry/Renate Lorenz. I WANT, 2015

Die Performerin der Filminstallation, die amerikanische Künstlerin Sharon Hayes, spricht einen Text. Es ist ein Plagiat von Romanen der Punk-Schriftstellerin Kathy Acker (1947–1997) und der Chats und Reden von Whistle-Blower Chelsea Manning. Manning wurde 2010 als Angehörige der US-Streitkräfte unter dem Verdacht verhaftet, dass sie geheime Informationen WikiLeaks zugespielt habe. Nach einem Teilgeständnis wurde sie 2013 mit 35 Jahren Freiheitsentzug bestraft. 1987 wurde Chelsea als Bradley Manning geboren und nach einer Hormontherapie ist seit 2014 die Namensänderung in Chelsea Manning rechtskräftig.
Ackers poetische Strategie, sich Textfragmente anzueignen und neu zu kombinieren wie auch der beständige Wechsel von Identitäten in ihren Romanen werden benutzt, um Mannings’ Vorgehen zu lesen: Das Veröffentlichen wichtiger militärischer und diplomatischer Dokumente wie auch die öffentliche Kundgebung ihrer Transgender-Identität werden in der Performance als radikaler Widerstand gegen den imperialen Krieg sichtbar sowie gegen die Art und Weise, wie Geschlecht und Sexualität im Militär eingesetzt werden. Das «Ich» des Films scheint sich an einem Ort und in einer Zeit der Postidentität zu befinden, aber zur gleichen Zeit die gewaltförmige Bürde einer ganzen Reihe aufsässiger Identitäten aus unterschiedlichen Zeiten und Orten zu tragen. Die Performerin Sharon Hayes hält ihre Rede oder Lesung in einem Setting, das lose auf eine frühe Lesung von Kathy Acker im Jahr 1977 verweist. Die Szene ist die eines verlassenen Clubs, dessen Discolichter an die Verfolger-Scheinwerfer eines Helikopters erinnern. Hayes’ Performance ist in einem Take gefilmt, aber von zwei Kameras, die ihrem eigenen Skript zu folgen scheinen und die zwei – nur wenig unterschiedliche – Filme zur gleichen Zeit produzieren.

aus: Pauline Boudry/Renate Lorenz, Anja Casser, in Zusammenarbeit mit Electra (Hg.), Pauline Boudry/Renate Lorenz. Aftershow, Sternberg Press, Berlin 2014.

Doppelprojektion HD, 2015, 16 Min.
Performance: Sharon Hayes
Kamera: Bernadette Paassen, Siri Klug
Ton: Christian Lutz
Musik: Planningtorock Living It Out
Set-Fotografie: Andrea Thal
Tongestaltung: Rashad Becker
Farbkorrektur: Matthias Behrens (Waveline)

Mit freundlicher Unterstützung der Volkart Stiftung
Eine Koproduktion der Kunsthalle Zürich und Nottingham Contemporary

Installationsansichten Kunsthalle Zürich, 2015 (Photos: Annik Wetter)