Beat Streuli

28.08.1999-24.10.1999
Beat Streuli
Deutsch
Week

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Portraitaufnahmen treten als Auftakt und Ausklang dieser Einzelausstellung des in Düsseldorf lebenden Schweizer Künstlers in Erscheinung. Sie zeigen in Nahansichten die jeweiligen Besonderheiten individueller Gesichtslandschaften und zugleich in der Einheit ihrer Formate die kollektive Norm, einmal in Form von C-Prints in Plexiglas-rahmen, mehrheitlich aus Japan, einmal in Form einer Diaprojektion, die eben erst in Chicago entstanden ist.

Den zentralen Teil des Ausstellungsorganismus bildet jedoch eine Folge von DiaÜberblendeprojektionen, die mehrteilig und weitflächig aus den dunklen Räumen leuchten. Sie stammen alle aus diesem Jahr und bringen fotografische Einzelbilder in kontinuierliche Sequenzen mit gleitenden Bildübergängen, die zwischen Statik, filmischer Montage und zeitlupenähnlicher Bewegung vermitteln.

Gehenden und innehaltenden Passanten gehört nun Beat Streulis Augenmerk, die mittels eines Teleobjektivs in anonym pulsierenden Strassenszenarien fokussiert werden. Die Momentaufnahme eines Gesichts, einer Geste, eines Blickes, einer Pose geht im Rhythmus ruhiger Atembewegungen in einer nächsten auf, ohne erzählerisch zu werden. Die beiläufig-distanzierte Beobachtung widmet sich nicht der Menschenmenge, vielmehr im schwebenden Wechsel zumeist jugendlichen Einzelpersonen, ihrem Lebensgefühl des nomadischen Dazwischenseins. Im unbestimmt gewordenen Raum der Strasse verliert sich das kulturelle Lokalkolorit, die individuelle Präsenz entgrenzt sich in der globalen Choreografie. Es sind Projektionen, die in den letzten Monaten einerseits in Tokyo entstanden sind, wo das asiatische Element dominant ist und doch die Verdichtung der modernen Grossstadt im Allgemeinen spürbar wird, andererseits in Sydney, wo sich die ethnische Durchmischung der westlichen Urbanität abzeichnet. In der virtuellen Dimension ihrer gleichzeitigen Aufscheinung entsteht so etwas wie die synthetische City schlechthin.

Untermalen gewisse fetischartige Attribute wie Markenzeichen oder körperbetonte T-Shirts den Status des Jungseins, zeigen sich Walkmen und mobile Telefone als zeitgemässe Stimuli, sich von der massenbetonten Gegenwart der Strasse zurückzuziehen, andere Vernetzungen einzugehen. In diese immer wieder aufscheinenden Momente innerer Abwesenheit mischen sich als strukturelle und farbliche Komponenten des Grossstadtdickichtes Nahansichten von Informationsschildern, Strassenabsperrungen und Autokarrosserien. Die ständige Wiederholung der Dias, die Beruhigung der urbanen Geschwindigkeit und das Eigenlicht der Projektionen in der Dämmerung ihres Umraumes entwickeln eine tranceartige Gleichförmigkeit, die auch das Besondere und mögliche Andere mitträgt. Der Betrachter kann sich dem Fluss der Zeit ohne Bedrängnis, ohne Verlustgefühl - des unabänderlichen Augenblicks einerseits, einer visionären Überhöhung andererseits - hingeben.

"Streuli beschwört in seiner Kunst eine neue, erlöste Menschheit, die die Immortalität durch Wiederholung entdeckt hat. Wann auch immer der Einzelne in diese Welt kommt - oder aus ihr austritt - er hat in ihr nichts verpasst. Die Körper der jungen Mädchen bietet dem Auge des Betrachters das immergleiche Schauspiel. Es ist diese subtile Analogie zwischen dem Aufenthalt des Betrachters im Projektionsraum, in dem die ewige Wiederkehr des Gleichen inszeniert wird, und dem Aufenthalt eines jeden einzelnen Menschen im "richtigen Leben", die die besondere Faszination der Arbeiten von Streuli ausmacht." (Boris Groys)