Christian Holstad

12.06.2004-15.08.2004
Christian Holstad
Gaiety; Discovering the Lost Art (in Absentia)
Deutsch
Week

Im zusätzlichen Raum der Kunsthalle Zürich eröffnen wir mit der Ausstellung des amerikanischen Künstlers Christian Holstad (geboren 1972) eine parallele Ausstellung zu Dominique Gonzalez-Foersters «Mulitverse», die in ihrer visuellen Erscheinung unterschiedlicher nicht sein könnte: Beide Künstler kreieren wohl individuelle Universen mit Raumenvironments, aber Christian Holstads Räume sind im Unterschied zu Gonzalez-Foersters Arbeiten, die mit reduzierten Bildern Erinnerungen und Erfahrungen evozieren, ein überbordendes Universum aus Bildern und Materialien.

Die Collage durchzieht das Werk des Künstlers auf allen Ebenen: Als Person ist Christian Holstad in unterschiedlichen „Berufen“ tätig, er ist Performer (zusammen mit Delia Gonzales und Gavin Russom tritt er in der Gruppe «Black Leotard Front» auf, die Disco-, Drag- und Kunst-Performance verbindet), er arbeitet als Schaufensterdekorateur und Stoffgestalter, ist selbstverständlich Künstler und wahrscheinlich noch einiges andere mehr. Seine Ausdrucksmedien umfassen neben diesen Tätigkeiten Zeichnungen, Collagen, Objekte, Skulpturen, Kostüme und Installationen – alles durchzogen vom Prinzip des Ineinanderschneidens, des Überlagerns, Kontrastierens und Konfrontierens von heterogenen Wirklichkeiten und Zustandsmöglichkeiten, und dies sowohl formal als auch inhaltlich.

Wenn Dominique Gonzalez-Foersters Arbeit in einer subjektiven Reaktivierung moderner Manifestationen gesehen werden kann, dann ist bei Christian Holstad der Bezug zur postmodernen Vielfältigkeit und Parallelität von Erscheinungen zentral. Seine Arbeiten sind geprägt von einer Kultur und den Inhalten und Formen einer Realität, die die Grenzen von „High“ und „Low“, von Mainstream und Gegenkultur durchlässig gemacht hat. Im Kleid der einst wirksamen Erscheinungen der Gegenkulturen unterzieht er die Grundlagen der daraus entstandenen Realität einer Revision: Gay-Kultur, Glamour, Camp-Ästhetik, Gothik sind Oberflächen, die er benutzt und auf ihre Mögklichkeiten der Re-Kontextualisierung zur Re-Aktivierung untersucht. Am ehesten kann man seine Arbeit vielleicht in der Tradition der Arbeiten des Filmers und Performers Jack Smith sehen, der eine der einflussreichen Figuren der Camp-, Gay- und Untergrundästhetik der sechziger und siebziger Jahre darstellt.

Christian Holstad überzeichnet Zeitungsbilder, so dass sie wie bedrohliche Geisterbilder erscheinen, er dekoriert ausgestopfte Tiere zu exotischen Discowesen, überarbeitet Masken und Schaufensterpuppen zu einem Gruselkabinett, lässt Make-up Artisten in seinen Räumen das Publikum bearbeiten. Auf Bildebene collagiert Holstad Ornamente in gezeichneten Figuren, die wiederum in andere Fotografien eingefügt, dann nur noch Muster sind. All dies verwebt er zu einem wild wuchernden Collagebild, das zum Raum gefügt wird, in dem wir selbst Teil der Collage, des Ornaments, der Dekoration werden.

Kategorien von Bildern werden permanent gemischt und aufgemischt. Reale Gegenstände und reale Personen verwandeln sich in Holstads Installationen in Spiegelungen und rorschachtest-ähnliche Formationen, die in mentale Bilder leiten; Horrorszenarien mutieren zu Spiritualität, Pathos wandelt sich in Ornamentik – ein Theaterszenario, das die Bedeutung von Bildern und Realität permanent in Frage stellt, neu bestimmen will und lässt.

«From the moment of birth, when the Stone Age baby confronts the Twentieth-century mother, the baby is subjected to these forces of violence, called love, as its mother and father, and their parents and their parents before them, have been. These forces are mainly concerned with destroying most of its potentialities, and on the whole this enterprise is successful.
By the time the new human being is fifteen or so, we are left with a being like ourselves, a half-crazed creature more or less adjusted to a mad world.
This is normality in our present age.»
R. D. Laing. Quoted from the back of the album cover «YEAR ONE» by «Culturcide».

«Vom Moment der Geburt an, wenn das Steinzeitalterbaby auf die Mutter des zwanzigsten Jahrhunderts trifft, ist es gewalttätigen Kräften ausgesetzt, die Liebe genannt werden, so wie es vor ihm seiner Mutter und seinem Vater und ihren Eltern und deren Eltern vor ihnen erging. Diesen Kräften geht es vor allem darum, die meisten seiner Möglichkeiten zu zerstören – insgesamt ist dieses Unternehmen durchaus erfolgreich. Wenn wir fünfzehn oder so sind, sind wir einem Wesen überlassen, das eine halb-verrückt-gemachte Kreatur ist, die mehr oder weniger dieser wahnsinnigen Welt angepasst ist. Das ist Normalität heute.»
R. D. Laing. Zitiert vom Cover der Schallplatte «YEAR ONE» der Gruppe «Culturcide».

«For a certain time period, people would scratch text into the inner ring (dead space) of records before they were shipped out. This was scratched into my copy of „A Sucked Orange“ by „Nurse With Wound»: «Never knowingly undersell the excitement of mental stimulation man.»

Eine bestimmte Zeit lang haben die Leute in den inneren Ring von Schallplatten Texte eingeritzt, bevor diese in den Vertrieb gingen. Das war in meine Platte «A Sucked Orange» von «Nurse With Wound» eingeritzt: «Du sollst nie absichtlich die Aufregung geistiger Anregung unterschätzen.»

Christian Holstad

Die Kunsthalle Zürich dankt: Präsidialdepartement der Stadt Zürich, Maja Hoffmann