Craigie Horsfield

22.08.1992-18.10.1992
Craigie Horsfield
Deutsch
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Die photographischen Werke des englischen Künstlers Craigie Horsfield, die erstmals in der Schweiz ausgestellt werden, nehmen im Kontext der Gegenwartskunst eine einzelgängerische Stellung ein. Für Jahre hatte Horsfield Polen nicht nur als Lebens-, sondern auch als Mentalitätsraum gewählt, arbeitete abseits westlicher Neuigkeiten und verzichtete über lange Zeit auf eine Veröffentlichung seiner Werke. Ihnen ist denn - in einer prägnanten Verlangsamung - auch ein ganz anderer Zeitbegriff eigen, der kaum mit dem wendigen Medium der Photographie assoziiert wird. Sie zeigen ein in sich ruhendes, lastendes Dasein. Unbeschönigte und schlichte Motive aus der ihn umgebenden Welt, Physiognomien, Körper, Plätze, Objekte und Situationen, die er ausschliesslich in Schwarzweiss festhält, werden oft viel später zum tableauartigen Unikat entwickelt.

Die meist quadratische Form und Frontalität seiner Bilder schaffen statische Konzentration und betonen das Singuläre des gewählten Realitätsausschnittes. Horsfields Blick ruht auf seinem vertrauten Gegenüber, man spürt seine Hinwendung, und die atmosphärisch verdichteten Oberflächen der Grossformate erzeugen geradezu malerische Valeurs. Er will mit dem in seinen Augen unzulänglichen, banalen Instrument der Photographie die Tatsachen des Realen focussieren, der phänomenalen Welt angehören, um rigoros über sie sprechen zu können. Dabei akzeptiert er die Gegebenheiten und Grenzen der unmittelbaren Erfahrung und zeigt gleichzeitig, dass nur aus der Existenz des Individuellen und Besonderen ein Verständnis des Universalen hervorgehen kann.

Seine Portraits zeigen Menschen in dunklen, geschlossenen Bildräumen, die auch in der Gruppe allein sind, verbunden mit der Suche nach dem Gemeinsamen und Kollektiven. “Wenn ich Photos von Leuten mache, die mir bekannt sind, so dringe ich nicht in ihr Sein ein. Ich kann nur die Evidenz ihres Ichs sehen. Bis zu einem gewissen Grad hat das mit ihrem Sein zu tun, ihrem Ganzsein, nicht als ein isoliertes Ganzes, sondern als Teil des Gewebes allen Seins, einer sehr physischen und körperlichen Existenz. Wesentlich ist, sie nicht so sehr als Körper zu sehen, sondern vielmehr als Körper in der Zeit." (Craigie Horsfield)

Die photographischen Oberflächen zeugen vom Gewicht der Welt, von der Präsenz und der Wahrnehmung eines erfahrenen Augenblicks und zerfallen zugleich in der Nahsicht in Punkte und Grauschattierungen. Eine verhaltene Licht-SchattenDramaturgie verwebt die Gegenwart des Einzelnen, die Rituale tagtäglicher Handlungen und die Spuren von Gebrauch und Abnutzung in einen Raum absorbierter Zeit, in das geschichtliche Kontinuum.