Darren Almond

31.03.2001-27.05.2001
Darren Almond
Deutsch
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Für seine erste Einzelausstellung in der Schweiz hat der englische Künstler Darren Almond sein jüngstes Werk fertiggestellt, die zweiteilige Video-Installation "Mine". Drehort war ein altertümliches Bergwerk in Kasachstan, das immer noch in Betrieb ist und den Schachtminen ähnelt, die in Nordengland am Ende des 19. Jahrhunderts weit verbreitet waren. Eine davon war der Arbeitsort des Grossvaters. Almond filmte ausschliesslich Räume des Übergangs, einerseits in Farbe eine grosse Halle, in der sich die Grubenarbeiter umziehen, andererseits in Schwarzweiss den skiliftartigen Endlos-Transfer vom Tageslicht in die dunkle Unterwelt. Dieser verknappte soziale Realismus appelliert an das kollektive Gedächtnis der Arbeiterklasse, an das untergegangene industrielle Zeitalter. Er weitet sich – durch schamanistisches Singen und Trommeln, die die Videoprojektionen suggestiv untermalen – zu einem Sinnbild der menschlichen Existenz. Die in Kasachstan noch existenten schamanistischen Rituale beschwören in grosser Intensität eine Einheit von Leib und Erde, die nun auf das Bergwerk und die Arbeit in ihm übertragen ist.

Macht dieses Werk Zeit auf emotionale und physische Weise erlebbar – als Reise, als Erinnerungsraum und Projektionsfeld, produziert Almond auch übergrosse DigitalUhren, die auf messbare Weise das Verstreichen von Zeit anzeigen als Versuche des Intellekts, systematische Ordnung in unserer Welt zu schaffen. Gleichzeitig stellt er diesen eigens fabrizierten Uhr-Skulpturen Zeichnungen gegenüber, die den Gang der Gestirne im Sonnensystem kartographieren: "Ausflüge ins Abstrakte mit mathematischen Mitteln" (Almond).

Zu sehen ist im weiteren eine untergründig bedrohliche, aber völlig unpathetische Zeitreise in Form von Bushaltestellen, die Almond für die künftigen Besucher des ehemaligen Konzentrationslagers in Ausschwitz konstruieren liess. Denn im Tausch mit diesen vorerst alltäglich-funktional wirkenden Unterständen hatte er in Polen die originalen Wartehäuschen erhalten, die er in Berlin als stumme Mahnmale der NaziDeportationen ausstellte.

Autobiografische Erinnerung birgt ein anderes Werk, das der Künstler zu seinen "instinktiven Filmen" zählt. Er spricht in der dreiteiligen Video-Installation "Traction" mit seinem Vater über die zahlreichen Verletzungen, die dessen Körper im Lauf der Jahre erlitten hat, die von den harten Arbeitsbedingungen in der Schwerindustrie zeugen, die der Vater durchlebt hat. Die Mutter hört laufend dem Gespräch zu, und ihre emotionale, aber stumme Reaktion wurde gefilmt. Zwar ist Almonds Stimme vernehmbar, man sieht aber nur die Eltern, je auf separaten Bildschirmen. Den dritten Teil dieser "Gefühlslandschaft" bilden Aufnahmen eines Baggers, der einen Strassenbelag aufreisst, dies als eine Metapher für die Ausgrabung und Befragung von Geschichte, in der sich persönliche und gesellschaftliche Biographie überlagern.