Ed Atkins

15.02.2014-11.05.2014
Ed Atkins
Week

Der britische Künstler Ed Atkins (geboren 1982, lebt und arbeitet in London) greift in seinem Schaffen, das Videos, Videoinstallationen, Texte und Zeichnungen umfasst, die Virtualität unserer zeitgenössischen Bilderwelt und deren tiefgreifende Auswirkungen, wie sie sich in unserer Lebenswirklichkeit darstellen, auf. Seine High-Definition-Videos und eindringlichen Soundtracks hinterfragen ihre eigenen technischen Fähigkeiten, Versprechen und Ideologien. Atkins geht oftmals von der paradoxen Fähigkeit des von ihm gewählten Mediums aus, unsere materielle Welt auf entschiedene, dematerialisierte Weise realistisch wiederzugeben. Im Rahmen seiner ersten institutionellen Einzelausstellung in der Schweiz präsentiert Atkins neben den vier zuletzt produzierten Videoarbeiten und einer Auswahl von Collagen und Texten, eine neue, gross angelegte installative Arbeit.

 

Die neuesten digitalen Bildtechnologien bilden eine Art Ausgangspunkt für die Werke von Atkins. Das High-Definition-Wiedergabeformat der Videos und ihrer Soundtracks präsentiert dem Betrachter eine Abfolge von unglaublich präzisen Bildern, in denen alle unabsichtlichen Unvollkommenheiten und gleichzeitig auch jeglicher Anschein einer realen Anima, also Beseelung, ausgelöscht werden. Dieser einseitige Fokussierung auf die technische Perfektion der Wiedergabe steht im krassen Gegensatz zu der unsichtbaren, haptisch nicht mehr greifbaren Erscheinung der digitalen Medienformate. Diese Entkörperlichung des Mediums – der Verlust seiner Materialität und seiner unmittelbaren Verweise – geht einher mit einem Prozess, in dem die „lebendige“ Realität in „tote“ digitale Codes umgewandelt wird. Diese Verschiebung, Abflachung und Entzauberung der medialen Körperlichkeit und ihrer Folgen rächt sich im Werk des Künstlers, das den Versuch unternimmt, diese Diskrepanz formal und thematisch durch metaphorische Erweiterungen von Terminologien und Techniken aufzuheben. Als Ausgangspunkt erscheint in vielen Arbeiten die Gestalt eines Kadavers und seiner Stellvertreter – Krankheit, Sinnlichkeit und Tod – als Protagonist oder Avatar. Letztendlich aber hängt ein grosser Teil der Werkinhalte, aber auch dessen, was das Werk vermittelt von der emotionalen Interaktion des Betrachters mit der Arbeit zusammen. Atkins’ digitale Kompositionen zeichnen sich durch satte Farben, präzise Schnittrhythmen, träge Auf- und Abblendungen, eng aufeinander folgende Schärfenwechsel und die Montage von vielfältigem Filmmaterial aus.

 

Die facettenreiche Wechselbeziehung zwischen Text und Bild spielt im Werk von Atkins eine wichtige Rolle. Atkins’ Interesse für direkte und indirekte visuelle und physische Wortspiele finden sich zahlreich in seiner Arbeit, die sich auf einer nicht nachlassenden Suche nach einer Grammatik der visuellen Darstellung befindet; danach wie ein realer Körper ausreichend dargestellt werden will, man aber nicht umhin kommt, ihn ständig zu verunklären und so immer wieder scheitert. An eben jener Grenze, an jenem Abgrund, wo Semantik und Syntax kollabieren, ist der Künstler aktiv.

 

Us Dead Talk Love (2012) ist die erste Mehrfach-Videoprojektion mit Sourround-Sound von Atkins und markiert gleichzeitig auch den Beginn des Einsatzes von computergenerierten Figuren in einem fast vollständig computergenerierten Szenario. Die Arbeit besteht aus zwei freistehenden Leinwänden, die leicht angewinkelt mit einem Abstand so nebeneinander platziert sind, dass das Licht der Projektion, das die Leinwand überlappt, für die Betrachter im Raum sichtbar ist. Atkins justiert das Licht des Beamers so, dass es nicht genau auf die Ausdehnung der Leinwand, sondern über deren Ränder in den Ausstellungsraum fällt und schafft so ein räumliches Ambiente. Das Video beginnt mit dem tragisch-komischen, todernsten Liebeslied Johanna aus dem Musical Sweeney Todd (1979) von Stephen Sondheim, das 2007 von Tim Burton verfilmt wurde und als Schlüssel für die gesamte Arbeit verstanden werden kann: karaokeartige Stimmen aus kahlrasierten, enthaupteten Köpfen versuchen angestrengt von Liebe zu sprechen, um durch eine mögliche Erinnerung oder den physisch fesselnden Moment der Entdeckung einer Wimper unter ihrer Vorhaut Intimität heraufzubeschwören. Liebe wird herbeizitiert – und ist im Prozess ihrer Erinnerung und Erzählung immer schon das Gespenst ihrer selbst. Das Klischee ist dabei nie weit entfernt, und die Künstlichkeit wird akzeptiert als das grundlegende Element jener Möglichkeit der berechtigt gescheiterten Erfahrung im Prozess einer versuchten Verkörperung. Die gefühlsgeladenen schwebenden Köpfe zittern und zucken vom gleichzeitigen Scheitern der Apparatur und der emotionalen Melodramatik. Wie auch viele andere Werke der Ausstellung treibt das Video diese Echtheit bezeugenden Gesten zu einem Punkt des aberwitzigen Exzesses: zerkratzter Film, Linsenflackern und –verschwimmen, Sprünge und Blitze sind allesamt gefälscht – verkümmerte Gesichtspunkte der analogen, gegenständlichen Vergangenheit des Mediums; penibel nachvollzogen in den Programmen After Effects, Premiere und Maya.

 

Für das Obergeschoss der Kunsthalle Zürich hat Ed Atkins die gross angelegte, installative Arbeit Ribbons (2014) konzipiert. Die Dreifachprojektion, die sich über drei Ausstellungsräume erstreckt, wird durch eine sich über die ganze räumliche Ausdehnung legende Tonspur gefasst und lässt die einzelnen Projektionen zu einer lückenhaften Arbeit verschmelzen. Wie bereits in Atkins früheren Arbeiten, nährt sich diese Mehrfachprojektion aus dem eigenwilligen, fragmentierten Narrativ des Künstlers, in dem computergeneriertes und bestehendes Filmmaterial, Vorlagen und bekannte Tropen aus Blockbustern mit einem schonungslosen, libidinösen Schnittrhythmus zusammengebracht werden. Die Arbeit mischt Elemente aus Film, Musik, Literatur – neben auffallend gewöhnlichen Referenzen sind auch Werke auszumachen, die die Arbeit im Prozess der Recherche und der Entstehung mehr oder minder mittelbar beeinflusst haben: Die Filme Husbands (1970) von John Cassavetes und Robert Bressons Le diable probablement (1977) aufgrund ihrer eigensinnigen, theatralischen Performances, Catherine Malabous Betrachtungen zu den Metamorphosen des Seins, Marguerite Duras’ alkoholbedingte Verwandlungskunst und „zerstörerische Plastizität“ in ihrer Ontologie de l’accident (2009) und die textuelle Befragung und spirituelle Besitznahmen in The Changing Light at Sandover (1976) von James Merrill und seiner Ouija-Schriften. Atkins entnimmt diesem Epos die Anrufung des Übersinnlichen, die er mit dem Digitalen, der Besessenheit und der Performance verknüpft.

 

Auch in Ribbons wird Text dazwischengeschoben, eingeworfen und wiederholt. Er verstärkt, verwirft oder bewirbt die Gefühle und Gedanken der Protagonisten, die in einem Vorhölle-artigen Set unter dem Tisch und hinter Wänden und Leinwänden lauern. Die Akteure sind Trunkene, Abgewiesene, Spielzeuge, bar jeder Handlungsmacht, sie sind Effekte – sie sind Trolle - die monströsen Ausgeschlossenen der Internetgesellschaft, deren Ziel es ist Irritation und Aufregung zu schaffen sowie aus ihrem anonymen Hinterhalt heraus notorisch Missbrauch an namhaften und gemachten Leuten im Netz zu üben. Die Art und Weise, in der Atkins diese Figuren darzustellen scheint, ist symptomatisch für den spätkapitalistischen Zustand, in dem politische Handlungsmacht erfolgreich eingedämmt wurde, wo soziale Medien unsere schlüssige und zulässige Selbstdarstellung gemäss der vorherrschenden und einschränkenden Vorlagen verlangen – und in der hinausgeschobene Verantwortlichkeit und Auswirkungen mit immer stärker entmaterialisierten Formen von Arbeit und Beziehungen vermischt werden.

 

Wie auch andere Werke in der Ausstellung, sind grosse Teile von Ribbons einzig und allein dazu bestimmt, Kontakt aufzunehmen, eine Art von Wirkung zu haben, auch wenn sie dafür typische sinnstiftende Inhalte in Kauf nehmen müssen. Die Arbeiten wollen um jeden Preis Verbindungen herstellen; mit Draufgängertum aber auch Zusammenhanglosigkeit, vergleichbar mit dem, was die Internet-Trolle ausspeien. In dieser Begegnung ist der moralische Imperativ ein Luxus, ein Ort und Zyklus des Missbrauchs, der Liebe, des Hasses. Zärtlichkeit und Gewalt sind gleichermassen – in einer Art Bipolarität – Symptom und Grundlage für die Bedingungen von Beziehung. In technischer Hinsicht steht die Arbeit für einen weiteren Schritt in Richtung eines computergenerierten Zustands mit erschreckender Genauigkeit und Fantasien des Physischen. In Zusammenarbeit mit einem CG-Animationsspezialisten und in Verwendung einer Software, deren ausschliesslicher Zweck der genaue Nachbau von elementaren physischen Prozessen ist (FumeFX für Rauch; RealFlow für Flüssigkeit), nimmt Ribbons einen noch vollständigeren Anlauf die Grenzen authentischer Erfahrung auszuloten. Auch in dieser Arbeit spielt das Motiv des Karaoke eine grosse Rolle, indem eine Reihe von Songs involviert werden, einer melancholischer und hingebungsvoller als der andere. Diese werden von Avatar-Trollen in unterschiedlichen Zuständen betrunkener Resignation gesungen, die von den Trümmern ihres Untergangs umgeben sind. Ribbons entwickelt und verdichtet sich in einer Vielzahl von Modi und Methoden: Identität, Gesellschaft, Alkohol, Psychosen und Obsessionen umschlingen sich unendlich in dieser Darbietung vollendeter Affektion.