Ed Atkins "Un-like" - Part 1: Love

01.03.2014, 15:00
Ed Atkins "Un-like" - Part 1: Love
Freier Eintritt
Englisch
Week

Im Rahmen der Ausstellung von Ed Atkins präseniert die Kunsthalle Zürich ein dreiteiliges Symposium mit dem Titel «Un-like». Dieser Titel ist das Ergebnis einer kritischen Auseinandersetzung des Künstlers mit einer Kultur der Zustimmung, wie sie sich besonders in der vorprogrammierten Bejahung innerhalb von Online-Diskussionsmedien äussert. Aus einer persönlichen und poetischen Perspektive nähert sich das Symposium den grundlegenden Themen Liebe, Tod und Poesie; Themen die das künstlerische Werk von Ed Atkins unmittelbar mit unserer Lebenswirklichkeit verbinden. Die eingeladenen Gäste entstam- men verschiedenen kulturellen Gebieten: Künstler/innen, Wissenschaftler/innen, Dichter/innen, Philo- soph/innen und Filmemacher/innen begeben sich auf die gemeinsame Suche nach neuen Möglichkeiten von Zuneigung und Körperlichkeit, Angst und Endlichkeit, sowie den Beziehungen von Wörtern und Dingen in unserem digitalen Zeitalter.
Die erste Veranstaltung ist der LIEBE gewidmet: Der Philosoph Mario Perniola bespricht Rollen und Rituale der Gastfreundschaft; der Dramaturg, Philosoph und Autor Felix Ensslin behandelt den Beitrag der Psychoanalyse zur Situation und Geschichte der Liebe im Westen. Dazu gibt es literarische Beiträge vom Künstler Peter Wächtler, der eine neue Liebesgeschichte und Zeichnungen vorstellt, und von der Autorin und Kritikerin Quinn Latimer, die aus ihren Gedichten liest. Die Zürcher Künstlerin Asia Andrzejka Naveen, diesjährige Preisträgerin des «Kadist – Kunsthalle Zürich Production Award», wird eine im Anschluss publizierte Antwort auf die Veranstaltung verfassen. Eingeführt, begleitet, zusam- mengefasst und weitergedacht wird «Un-like»an diesem und an zwei weiteren Samstagen von Ed At- kins.

Unter der negativ-versöhnlichen Schlagzeile «Un-like» wurde gemeinsam mit Ed Atkins eine besondere Veran- staltungsreihe für seine Ausstellung in der Kunsthalle Zürich konzipiert. Künstlergespräche, Stellvertreter- Performances, wissenschaftliche Präsentationen, literarische Interventionen, philosophische Debatten und Kara- oke werden den technologischen und mediatisierten Bedingungen eines Grossteils unseres gegenwärtigen Lebens, Liebens und Sterbens nachgehen.
Mittels einer idiosynkratischen und persönlichen Annäherung an diese grossen Themen behandelt «Un-like» das Unwiederbringliche in kollektiven und vereinzelten Erfahrungen: Was und wo sind die Grenzen unserer Selbstbilder? Und wie erweitern sich unsere Beziehungen eher, als dass sie sich verhindern durch die Dinge, mit denen und durch die wir in Verbindung stehen?

Der Titel «Un-like» widersetzt sich der allgegenwärtigen Anbiederung an die einfache Bejahung als einzig gülti- gem Richtwert und dem ‘like’ der coolen Abgeneigtheit; Ausdrucksmittel des ‘Dislike’ sind nicht vorhanden (wie zum Beispiel das tatsächliche Fehlen eines Buttons zum ‘Nicht-Mögen’ bei Facebook, wo als einzige Möglichkeit das Bejahen besteht); ein ‘like’/Sosein in offensichtlicher politischer Apathie und pseudo-ähnlicher Vereinzelung.

Dieses Symposium beginnt mit LIEBE.

Das Gefühl und der Fetisch, Fehlbildungen und Begehren, Intimität oder Unmittelbarkeit, Anonymität, Sex – betrachtet aus der Sicht aktueller Reflexionen zur Ontologie und Einzigarkeit, zwei der vorherrschenden Mög- lichkeiten, die Liebe zu denken verbindend – ja vielleicht verkuppelnd: die Emotion und deren Auswirkungen.

Bezüglich eines Zusammenspiels von Verweigerung und Verantwortung scheint es eine fast undenkbare Aufga- be, einen Raum für Meinungsverschiedenheiten in der Liebe und innerhalb eines technologisch repräsentierten und mediatisierten Lebens zu schaffen. Es geht um die Imagination für eine Kultur, die das Scheitern von Erfah- rung bejahen kann – und gleichzeitig noch immer an die Möglichkeit glaubt, dass sich die Liebe den wie auch immer hochtechnologisierten Apparaten der Wiederverwertung entziehen kann. Der Versuch einer Ontologie von uns, dem Persönlichen, Menschlichen, Sozialen.

Ed Atkins wird die Veranstaltung mit persönlichen Einblicken in die Thematik und mit direktem Zusammen- hang zur Ausstellung einführen. Metaphysische Poesie wird in körperlichem Licht erscheinen, als Schnittstelle von poetischen Möglichkeiten und materieller, sterblicher Realität – ein Ort der Liebe und das Herzstück seiner Praxis.

Der italienische Philosoph Mario Perniola wird anschliessend einen Vortrag über Liebe und Gatsfreundschaft, die vielsagenden etymologischen Wurzeln von ‘like’ (mögen) und ‘Liebe’ sowie ihre gemeinsamen Unzulänglich- keiten halten. ‘Gatsfreundschaft’ hingegen wird als ein Begriff vorgestellt, der der ungemein komplexen Aufga- be der angemessenen Beschreibung von zeitgenössischen Beziehungen des Liebens – mit all ihren Verwicklun- gen und Konventionen – besser gerecht zu werden scheint. ‘Gatsfreundschaft’ beinhaltet Lob, Komplimentarität, Gebührenfreiheit, rituelle und soziale Konvention, Reziprozität, Verpflichtung, Unterwerfung und Dominanz. Sie ist ausserdem ein Zusammenhang, der zunehmend von Technologien destabiliisert wird, besonders das konse- quente Verständnis von Gast und Gastgeber sowie der Machtstrukturen, die implizit und explizit im Internet durch die Konfigurationen von Usern, Moderatoren, Fans und Followern vorhanden sind. Mit grundlegenden Publikationen wie „The Sex Appeal of the Inorganic“, vereint und entzweit Perniolas Philosophie das akademi- sche und künstlerische Verständnis von Objekthaftigkeit, Zuwendung und Begehren gleichermassen. Im An- schluss an seinen Vortrag wird er ein Gespräch mit Ed Atkins über Gatsfreundschaft, Liebe und Kunst halten.

Liebe ist ein roter Faden auch in der Arbeit und im Denken von Felix Ensslin, dem deutschen Philosophen, Autor, Dramaturg, Regisseur und Kurator. Aus der Perspektive der Kulturkritik und einer in den darstellenden Künsten verwurzeltem Praxis – wie in der Publikation „Between two Deaths“ (2007) reflektiert – wird Ensslins Vortrag den sozio-politischen Stellenwert der Liebe fragen: Liebe im Westen, gespalten wie das Subjekt selbst in Eros und Caritas, dem Bürgertum überantwortet als Aufgabe der Vereinigung von Neigung und Pflicht, über- nommen in anti-bürgerlichen Fantasien der Erfüllung und der Freiheit; trotz oder wegen dieser langen Ge- schichte ist und bleibt sie unterbestimmt, der Ironie entkommt sie nicht, und bleibt trotzdem immer im Horizont der Fragen, die als wesentliche erscheinen. Sex und Liebe, das unmögliche Paar, das um das Genießen kreist. „Shame“ und „Nymphomaniac“ sind zwei filmische Annäherungen der letzten Jahre, vor derem Hintergrund Felix Ensslin die Frage stellt, was die Psychoanalyse zum Thema zu sagen haben könnte. Der Vortrag endet mit einer Runde von Fragen (und einigen Antworten), moderiert von Julia Moritz.

Das Symposium wird beendet vom Künstler Peter Wächtler, der eine neue Kurzgeschichte, ‘Naki’, vortragen und eigens dafür geschaffene Zeichnungen präsentieren wird. ‘Naki’ ist die Liebesgeschichte eines Schuster und eines Samurais über die Manifestationen, das Versagen und die Hoffnungen der Liebe in Wächtlers typischem Ton. Es geht um vergegenständlichte und verkörperte Liebe, brutal und brutal, ihre Verstrickung mit Macht, Autorität – und ihrem Gegenteil; gleichzeitige Bewegungen, die das kampflustige Milieu der Hassliebe in ‘Naki’ ausmachen. Wächtlers Werk – jüngst under dme Titel „Come on“ (2014) publiziert – kann an einem Pol der lite- rarischen Tradition situiert werden, dessen Vorbedingungen Goethe, Kierkegaard und generell der Bildungsro- man sind. Seine künstlerischen Arbeiten umfassen Zeichnung, Animation und Skulptur. Vieles davon bewegt sich zwischen Theaterkulisse und inszeniertem oder allegorischem Überbleibsel. Literatur, Erzählung und ihre fundamentale Kritik verbindet die Liebe mittels Wächtlers eigener Subjektivität und bewegenden Stimme.

Weitere Beiträge zu LIEBE umfassen das Auftreten von Gedichten von Quinn Latimer, das Aufscheinen einiger Bewegtbilder, sowie eine später zu erwartende Antwort der Zürcher Künstlerin Asia Andrzejka Naveen. «Un-like» wird mit zwei weiteren Themen an zwei weiten Samstagen fortgeführt:
«Un-like» Teil 2 TOD, Samstag, 29. März «Un-like» Teil 3 WORDS, Samstag, 26. April

Februar

15 Sa