Ed Atkins "Un-like" - Part 2: Death

29.03.2014, 15:00
Ed Atkins "Un-like" - Part 2: Death
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Der zweite Teil des dreiteiligen Symposiums «Un-like», das die Kunsthalle Zürich im Rahmen der Ausstellung von Ed Atkins präsentiert, widmet sich dem TOD. Aus einer persönlichen und poetischen Perspektive soll den Vorbedingungen und Vorstellungswelten von (Un- )Sterblichkeit in unserer digitalen Lebenswirklichkeit auf den Grund gegangen werden. Vor dem Hintergrund seiner Ausstellung und begleitet von Avataren wird Ed Atkins durch die Veranstaltung führen. Zwei Sinnbilder und ihre tasächlichen Auswirkungen bilden den Schwerpunkt dieser Annäherung an TOD: die lebenden Toten und die tot Lebenden – die rachsüchtige Materialität des Körperlichen, und die Seelenlosigkeit bestimmter Formen des Daseins. Die Philosophin Patricia MacCormack wird in einem Vortrag den Zusammenhang von Kino, Sexualität und Tod beleuchten. Ein zweiter Vortrag von John Beeson untersucht die Möglichkeit des Selbstmords von Autorenschaft als eine Form von Kritik im Feld der zeitgenössischen Kunst und Kultur. Eine später publizierte Antwort auf die Veranstaltung vom Zürcher Künstler Tobias Spichtig wird zu weiterführenden Fragen für «Un-like» anregen.

 

Physischer Tod und die Unsterblichkeit des Digitalen, materielle Verschiebungen und die Zombifizierung dessen, was noch nie gelebt hat – ausgehend von einer wiederaufgerollten Kulturtheorie der späten 90er Jahre geht es im zweiten Teil des Symposiums um Unterscheidungen und auch Unschärfen zwischen dem Leben und Sterben von Subjekten und Dingen (den lebenden Toten und den tot Lebenden). Wir wollen diese Unterscheidungen unterlaufen, indem wir die Empörung einer körperlichen Rache (imaginärer Horror, Krankheit) gegen die Verhältnisse einer digitalen Nach-Endlichkeit antreten lassen.

Mittels einer idiosynkratischen und persönlichen Annäherung an diese grossen Themen behandelt «Un-like» das Unwiederbringliche in kollektiven und vereinzelten Erfahrungen: Was und wo sind die Grenzen unserer Selbstbilder? Und wie erweitern sich unsere Beziehungen eher, als dass sie sich verhindern durch die Dinge, mit denen und durch die wir in Verbindung stehen?

Künstlergespräche, Stellvertreter-Performances, wissenschaftliche Präsentationen, literarische Interventionen, philosophische Debatten und Karaoke werden den technologischen und mediatisierten Bedingungen eines Grossteils unseres gegenwärtigen Lebens, Liebens und Sterbens nachgehen. Der Titel «Un-like» widersetzt sich der allgegenwärtigen Anbiederung an die einfache Bejahung als einzig gültigem Richtwert und dem ‘like’ der coolen Abgeneigtheit; Ausdrucksmittel des ‘Dislike’ sind nicht vorhanden (wie zum Beispiel das tatsächliche Fehlen eines Buttons zum ‘Nicht-Mögen’ bei Facebook, wo als einzige Möglichkeit das Bejahen besteht); ein ‘like’/Sosein in offensichtlicher politischer Apathie und pseudo-ähnlicher Vereinzelung.
Dieses Symposium begann mit LIEBE. Und geht weiter mit TOD.

Wir möchten dem real Lebendigen begegnen, das von den vermeintlich nicht mehr materiellen Produkten, Arbeitsweisen und Geschäftsgebaren des Westens einer gewaltsamen Veränderung, auch körperlich, unterzogen wird: eine Zombifizierung, die für diese widersprüchlichen materiellen und zugleich immateriellen Zustände notwendig ist, um selbst aus den Augen, aus dem Sinn, ausser Reichweite zu schwinden. Das Bio-Politische wird so zum Post-Politischen, einem Ort, an dem Jugendlichkeit von Vampirromanzen unterkühlt und Sexualität von desinteressierter Gewalt überschattet wird. Uns aber interessiert, wie echter Horror als radikaler Affekt und als eine Möglichkeit wiedergewonnen werden kann, die Fantasie und Realität zu verbinden mag. In der Gesellschaft von Monstern, Geistern, Zombies und Vampiren steht der Kadaver an zentraler Stelle – belebt von der Fantasie, gehemmt von der Realität.
Uns interessieren die Herausforderungen, denen Materie und Vergänglichkeit im heutigen Leben zugrunde liegen: es interessiert uns, dass das Leben, die Technologie, alles endet. Wie auch in den Kunstwerken der Ausstellung geht es besonders um das bewegte Bild und seine Geschichte – wenn auch nur als Ort eines besonders heftigen Zusammenpralls von Gegenständen und ihren Geistern, sowohl geschichtlich wie allgemein. Denn Illusion und Realität, Unsterblichkeit und unsere ungemein sterbliche Körperlichkeit treffen sich so oft im Kino.
Wie schon der erste Teil des Symposiums, LIEBE, versteht TOD seine thematische Entgrenzung als seine Lebendigkeit und seinen endgültigen Widerstand gegen jegliche Wiederverwertung.

Vor dem Hintergrund der Ausstellung im Besonderen und seinen künstlerischen Arbeiten im Allgemeinen wird Ed Atkins die Veranstaltung mit persönlichen Überlegungen zur Thematik einführen. Avatare werden zugleich auf verwerflich materielle und emotional erinnerte, immaterielle Weise als Figuren in vorgestellten Situationen auftreten. Tödlich verlaufende Bewegungen und ihre Verwirklichung in der zweideutigen Figur des Kadavers bestimmen einen grossen Teil von Atkins’ Arbeiten. Von einer Art metaphorischer Metastase von Textteilen bis zur Erschaffung einer Truppe immer schon toter Personen – Darsteller und Erzähler deren grammatikalische Anspannung und schwerelose Niedergeschlagenheit dauerhaft in eine vorgestellte Vergangenheit entrückt ist – gleichen Atkins’ Videos oftmals einem Fegefeuer, dem Untoten.

Patricia MacCormacks philosophischer Vortrag Necrocinesexualität: Tod, Begehren und das Fleisch des Bildes wird die These der Cinesexualität im Zusammenhang mit der Bildwelt des Todes diskutieren. Anstatt ein nekrotisches Endes des Begehrens zu behaupten, wird es darum gehen, wie barocke Spektakel des Todes, nekrophile Lust und andere verworfene Formen des Verlangens Körperlichkeit auf einzigartige Weise ausdrücken. Es soll untersucht werden, wie das Kino selbst den Körper zersetzt, nicht jedoch um ihn zu vernichten, sondern um ihn für ungeahnte Möglichkeiten zu öffnen; Möglichkeiten, die traditionelle bedeutungschaffende Verfahren den Körper durch wiederholte normative Darstellungsmuster aufzuknöpfen und zu massakrieren überschreiten. Ausgehend von ihren eigenen Theorien, wie die der Cinextase, wird MacCormack despotische Ideen vorstellen, die nicht auf einen besonderen Film oder eine bestimmte Darstellungsform anwendbar sind, sondern die den Tod innerhalb der gesamten Filmkunst betreffen, die die Betrachter/innen beleuchtet und sie im Nachleben ihres geronnenen Werdens aufscheinen lassen. Patricia MacCormack ist Autorin von Cinesexuality (2008), Posthuman Ethics (2012), Herausgerberin von Deleuze and the Schizoanalysis of Cinema (2008) sowie The Animal Catalyst (2014) und hat vielfältig über Perversion, Queer Theory, Feminismus, Kontinentale Philosophie, Ethik, Animal Studies und Nekrophilie publiziert.

Tod spielt in John Beesons letztem Essay Relative Distance keine Rolle. Und dennoch könnte Tod, genau wie Distanz, eine Metapher für den Gegenstand des Textes darstellen: für diejenigen Methoden, identifizierende Information und Autorenschaft zu relativieren, die in der Kunst, den Online-Aktivitäten und den politischen Aktionen des Informationszeitalters angesagt sind. Motiviert zum Teil durch das Bedürfnis, nicht manipuliert zu werden, wenden sich Individuen der Anonymität, Kollektivität, und der Nachahmung von Stimmen, Verhaltensweisen und Ideologien von anderen zu. Im Bereich der Kunst und Kultur stellen diese Strategien besondere Herausforderungen dar – besonders im Bezug auf die Entwicklung von Kritikfähigkeit. Der Rezeption kommt zunehmende Bedeutung zu, allerdings eine mit unzuverlässigen Grundfesten. Dennoch stellt die Wahl des Selbstmords von Subjektivität als eine Form der Autorschaft eine Möglichkeit dar, Dissens innerhalb eines institutionellen Rahmens zu artikulieren, der ansonsten zur Kannibalisierung verpflichtet ist. John Beesons Texte erscheinen regelmässig in Artforum, Spike und Texte zur Kunst.

Weitere Beiträge zu TOD umfassen eine später zu erwartende Antwort vom Zürcher Künstler Tobias Spichtig.

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