Georgischer Modernismus: Die Fantastische Taverne

25.08.2018-04.11.2018
Georgischer Modernismus: Die Fantastische Taverne
Deutsch
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Zur Ausstellungsbesprechung in der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag
Die Ausstellung auf unserem Blog

Georgischer Modernismus: Die Fantastische Taverne bringt erstmals den georgischen Modernismus, ein überaus interessantes, aber beinahe vollständig ignoriertes Kapitel der westlichen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts nach Europa und fordert, dass dieses endlich Eingang findet in die Kunstgeschichtsschreibung.

1918, vor genau hundert Jahren, deklarierte Georgien als Demokratische Republik Georgien seine Unabhängigkeit. Eine Zeit der Freiheit brach an, die jedoch mit dem Einmarsch der sowjetrussischen Roten Armee 1921 bereits wieder ihr Ende fand. Tbilisi (oder Tiflis) wurde zum «Paris des Ostens» als dort internationale, teilweise aus Russland geflüchtete Künstler auf eine lokale Avantgarde trafen, die im Austausch mit Europa stand. Daraus entwickelte sich eine offene, experimentelle und die Disziplinen überschreitenden Kunst, die gerade in unserer zunehmend polarisierten Zeit wegweisend erscheint. Es war eine Zeit, in der sich Malerei, Skulptur, Zeichnung, Bühnenbild, Musik, Poesie, Wandmalerei, Literatur, Volkskunst, Ethnografie, Forschung, Typografie und Buchproduktion gegenseitig inspirierten und herausforderten. Entstanden ist dabei nicht nur georgischer Dadaismus, Irakli Gamrekelis wegweisende Bühnenbilder, Niko Pirosmanis Malerei, David Kakabadzes Kunst und Forschung, Ilya Zdanevičs georgische Version von Zaoum sowie sein interdisziplinäres Unternehmen 41° (41 Grad; eine Universität, Künstlergruppe und Verlag in einem), sondern auch grossartige Filme, typografische Experimente, radikale Theateraufführungen und bemalte Wirtshäuser sowie ein Lebensgefühl, das bis heute inspirierend bleibt.

Georgischer Modernismus: Die Fantastische Taverne ist eine Ausstellung, welche die Form eines Buches im Raum annimmt und dabei Material zeigt, das bedeutend, aber kaum jemandem bekannt ist. Darunter befinden sich frühe Werbefilme fürs Theater, sozialkritische Komödien und eindrückliche Dokumentarfilme, u.a. auch von Nutsa Gogoberidze, der ersten Filmmacherin Georgiens. Die Ausstellung ist auch ein Aufruf, Geschichte selber zu schreiben: Sie steht im Geiste des Do-it-yourself und entstand in enger Zusammenarbeit mit Nana Kipiani, eine der führenden Kunsthistorikerinnen Georgiens. Georgischer Modernismus: Die Fantastische Taverne ist zwar historisch, aber nicht museal und autoritär, sie ist auch nicht endgültig, denn immer wieder kommen neue Filme, Texte und Dokumente zum Vorschein. So ist sie nach allen Seiten offen, darauf verweisen auch die künstlerischen Beiträge von Lia Bagrationi (Tbilisi), Levan Chogoshvili (Tbilisi), Emil Michael Klein (Zürich) und Tea Tabadze (Tibilisi.  Die Ausstellung wird von Nana Kipiani (Kunsthistorikerin, Tbilisi) erarbeitet und
von der Kunsthalle Zürich kuratiert.

Mit Georgischer Modernismus: Die Fantastische Taverne und der gleichzeitig stattfindenden Ausstellung 100 Wege des Denkens. Universität Zürich in der Kunsthalle findet der «Stresstest Kunsthalle Zürich» seinen vorläufigen Abschluss. Seit 2015 haben wir in verschiedenen Ausstellungen die Rolle einer Kunsthalle in der heutigen Zeit befragt. 1985, bei ihrer Gründung, war die Kunsthalle Zürich einer unter wenigen Akteuren, heute ist sie einer unter Tausenden: aktuell gibt es rund 250 Biennalen und ebensoviele Kunstmessen, dazu kommen Tausende von Galerien, Museen, Offspaces, Kunsthallen und Auktionshäuser. Der 2015 initiierte Stresstest bestand darin, die Kunsthalle anderen Rollen auszusetzen, um ihre Grenzen und ihre Identität auszutesten – und sie einem breiten Publikum zu öffnen. So wurde die Kunsthalle Zürich zum Literaturhaus (Hannah Weiner (1928–1997), 2015), zum Theater (Theater der Überforderung, 2015), zum Puppenhaus (Flavio Merlo / Ben Rosenthal. Bottom Feeders - The Battle of the Cataplasm, 2015), zum Archiv (They Printed It!, 2015), zum Spielplatz (The Playground Project2016), zum Festival (Tbilisi 16, 2016), zur Bibliothek (RATZ FATZ ZAUBER WAS, 2016), zum Lebenslauf (Michael Riedel- CV, 2016), zur Kirche (Rob Pruitt: The Church, 2017-2018) und nun wird sie vorübergehend zur Universität (100 Ways of Thinking. Universität Zürich in der Kunsthalle) und zum Museum. Aus diesem Stresstest wurde im Lauf der Zeit jedoch eine Hommage: an den Reichtum und die Offenheit unserer kulturellen Institutionen und damit auch eine Hommage an die Demokratie. Denn dass eine Institution wie die Kunsthalle so viele andere Rollen übernehmen kann, heisst nichts anderes, als dass sie ein Freiraum ist und sie sich ihn nimmt - und dass die Gesellschaft ihr diesen gewährt. Es sind diese Freiräume, welche unsere Gesellschaft ausmachen (das Internet gehört(e) auch dazu), sie braucht es mehr denn je in dieser polarisierten Zeit. Genau sie machten den Georgischen Modernismus möglich, bevor die Sowjetunion unter Stalin ihm ein baldiges Ende bereitete.

Daniel Baumann, Direktor Kunsthalle Zürich

Wir danken den Archives Iliazd und François Maire für die Leihgaben und die Unterstützung.

August

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