Hannah Weiner (1928–1997)

21.02.2015-17.05.2015
Hannah Weiner (1928–1997)
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Hannah Weiners Dichtung fängt Sprache dort ein, wo sie stattfindet: im Gespräch, beim Zuhören oder Ansehen. In New York und der dortigen Avantgarde der 1960er Jahre verwurzelt, transformierte sie damit Erscheinungsweisen von Sprache. Ihre Kunst kann man Dichtung nennen oder Lyrik; ihre Arbeiten sind genauso sehr Performances wie Bilder.

Hannah Weiner wurde 1928 in Providence, Rhode Island, geboren, studierte Literatur am renommierten Radcliffe College, Massachusetts und arbeitete als Lektorin diverser Poesiezeitschriften. Als sie Mitte der 60er Jahre im unmittelbaren Umfeld der New Yorker Kunst- und Performance-Szene als Dichterin aktiv wurde, hatte sie sich beruflich bereits als Designerin für Lingerie etabliert. Ihre ersten Schreibversuche, von denen einzig der Gedichtzyklus The Magritte Poems (1963) erhalten ist, stehen in ihrem spielerischen Umgang mit Struktur und Bildhaftigkeit von Sprache noch im Einfluss der New York Poetry School, die sie an der New School for Social Research bei Kenneth Koch, Ted Barrigan und anderen kennengelernt hatte. Durch die Bekanntschaft mit der späteren Pop-Künstlerin Marjorie Strider oder der Performance-Künstlerin Carolee Schneemann wurde sie als Designerin und Dichterin gleichermassen in die New  Yorker Kunstszene integriert.

1968 entstanden Weiners erste Code Poems: In Adaption des International Code of Signals – eines im 19. Jahrhundert für die Kommunikation auf See entwickelten Zeichensystems – verfasste sie dialogische Skripte, absurde und humorvolle „Gedichte“, die in unterschiedlichen Konstellationen und Besetzungen aufgeführt wurden. In diesen Skripten experimentierte sie mit neuen Methoden der Kommunikation – visuell, auditiv und körperbezogen. Als die Code Poems 1982 publiziert wurden, zierte ein drehbares Mandala den Umschlag des Buches, das den Leser zu eigenen Experimenten mit Poesie auffordert: „Where does It or You begin?“

Neben eigenen Arbeiten wie etwa Hannah Weiner at Her Job (1969), Hannah Weiner meets Hannah Weiner (1969) oder dem Entwurf (und die Ausführung) eines abstrakt/minimalen Labelingsystems für Schilder und Türen im öffentlichen Raum, war Hannah Weiner Teil einer kleinen avantgardistischen Gruppe von Dichtern, Kunstkritikern und Performance-Künstlern, die Poetry-Events organisierten um Dichtung weg vom Papier („off the page“) und auf die Strasse zu bringen. In dem von Weiner mitorganisierten Fashion Show-Poetry Event (1969) zeigten Claes Oldenburg, Andy Warhol oder James Lee Byars Modeentwürfe. Die Streetworks (1969/1970), eine Reihe kollektiv konzipierter Events und Happenings in New Yorks Strassen, forderten Dichter, Künstler und das vorbeilaufende Publikum gleichermassen dazu auf, poetische Interaktion im unmittelbaren urbanen Umfeld zu erproben. In dem von Vito Acconci und Bernadette Mayer editiertem 0 to 9 Magazin fanden die Streetwork-Dichter ihre Zeitschrift. Darin veröffentlichende Autoren, deren Dichtung sich symptomatisch zwischen (Schreib-)Prozess und Sprachdekonstruktion bewegte, sind bis heute und weit über die Grenzen der USA hinaus im Rahmen der  Language Poets-Bewegung stilprägend. 

„The words began to appear in 1972 and led to the clairvoyant journal
a three voice performance poetry book about learning
explaining instructions and the counter voice“
(Hannah Weiner in Silent Teacher, 1993)

„I see words“ - erklärte Hannah Weiner Anfang der 70er Jahre und zog sich fast gänzlich aus dem sozialen Leben zurück um Sprache analog zu ihren Sinnesvermögen zu erforschen, provozieren und niederzuschreiben: Wie kann man die um einen herum stattfindende Sprache einfangen und abbilden? Wie auf das ständige Vollziehen der Sprache reagieren? Bei der Beantwortung dieser Fragestellungen sah Hannah Weiner davon ab, aus ihren eigenen Worten Texte zu erfinden, vielmehr griff sie in das sie umgebende Sprach-material ein und übersetzte es in stunden- bis tagelangen Sitzungen unmittelbar aus ihrem subjektiven Wahrnehmungsfeld in eine Schrift- / Bildform. Zwischen 1971 und

1978 arbeitete Weiner ausschliesslich an den Clairvoyant Journals, die sie in Ausschnitten in verschiedenen Subkultur-Magazinen, Poetry Newslettern und Anthologien veröffentlichte. Auf die Clairvoyant-Journals folgen verschiedene Buchprojekte, so unter anderem Weeks (1986), das die Kommunikationsstruktur des Fernsehens übersetzt oder Silent Teachers (1989–91), dessen Poems Clairvoyantsche Zwiegespräche mit fiktiven „Lehrern“ ausbreiten. Neben ihrer schriftstellerischen Arbeit trat Hannah Weiner regelmässig im Umfeld des Poetry Centers St. Marks Church auf und Lesungen – wie etwa im Rahmen des legendären Avantgarde Sendeformats Public Accces Poetry – machen die Nähe ihrer Dichtung zur Performance anschaulich. Darüber hinaus wurden ihre visuell andersartigen Realzeit-Transkriptionen der in und um sie herum stattfindenden Sprache als avant la lettre-Poesie im Kontext der Language Poets zunehmend einflussreich. Wie schwierig die Einordnung ihres Werkes in die gängigen Genres der Literatur blieb, zeigt sich anhand der anhaltenden Suche nach neuen Begriffen, um ihre eigenwillige Schreib-form zu charakterisieren; Avant-garde Journalism (Patrick Durgin) oder Large Sheet Poetry (Weiner) sind einige Beispiele hierfür.

Nach ihrem Tod wurde Hannah Weiner vorwiegend im Kontext feministischer Studien, der Outsider-Dichtung oder in Abhandlungen zum American-Indian Movement (AIM) rezipiert. Vor allem durch die Vermittlungsarbeit des Nachlassbeauftragten Charles Bernstein und den Forschungen Patrick Durgins (Hannah Weiner Open House, Kenning Editions, 2007) erfuhr das Werk Weiners jedoch gerade in den letzten Jahren eine umfassende Neu-bewertung, die sowohl Weiners Einfluss auf die Bewegung der Language Poetry (der zweiten Generation) als auch ihrer Rolle in der New Yorker Avantgarde-Performanceszene Tribut zollt.

Mit der Ausstellung in der Kunsthalle Zürich wird Hannah Weiners Werk erstmals umfassend im Kontext zeitgenössischer Kunst ausgestellt. Während heute Strategien und Haltungen zu den neuen Kommunikationsmedien gesucht sind, zeigte Hanna Weiner schon weit vor unserer Zeit Möglichkeiten auf, sich Sprache in der Transformation anzueignen und neu zu setzen.

Kuratiert von Franziska Glozer

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