Jana Euler

30.08.2014-09.11.2014
Jana Euler
Where The Energy Comes From
Week

Die Kunsthalle Zürich präsentiert die erste umfassende institutionelle Einzelausstellung «Where the energy comes from» von Jana Euler (geboren 1982 in Friedberg, Deutschland, lebt und arbeitet in Brüssel) mit Arbeiten, die eigens für diese Präsentation entstanden sind. Die Ausstellung und der begleitende Katalog entstehen in Kooperation mit dem Bonner Kunstverein, wo die Präsentation im Anschluss vom 6. Dezember 2014 bis 22. Februar 2015 zu sehen sein wird.

Das Werk von Jana Euler umfasst eine Vielfalt von künstlerischen Medien, ästhetischen Entscheidungen und diskursiven Praktiken. Ihre Gemälde, Plastiken und Textarbeiten loten sowohl die Möglichkeiten von digitalen als auch analogen Bildern und Beziehungen aus und antworten auf unsere zeitgenössischen Bedingungen von Erfahrung mit optischen, kognitiven und auch sensuellen Modellen und Mitteln zur Reflexion.

Die materiell realen und auch hyperrealen Zustände von Objekten und Subjekten haben in Eulers Arbeiten den gleichen Stellenwert. Figuration, Abstraktion und surreale Formen der Repräsentation versetzen in ihren Werken unsere Wahrnehmung und die Definition von Realität und Bild in einen dynamischen Austausch. Die Figuren in den Gemälden der Künstlerin sind gleichzeitig Physis und Träger vielfältiger sozialer wie kulturhistorischer Beziehungen.

 

«Where the energy comes from» verwebt und aktiviert über vier Räume Themen der Körperlichkeit, des sinnlichen wie mentalen Empfindens, des physikalischen wie kommunikativen Energieaustausches und der Expressivität und Reflexivität zu einem Spannungsbogen: Die Künstlerin in Aktdarstellung eine Treppe hinauflaufend (ein Verweis auf Marcel Duchamp, ja, aber auch die Dynamisierung des alten Themas des Blicks auf den weiblichen Körper und hier auf die Künstlerin selbst, die entschwindet), ein errötender Affe, das Grossporträt des Spezialisten und Trainers für Körpersprache Samy Molcho, weitere Männerporträts, Steckdosenmodelle unterschiedlicher europäischer Länder, die sich einer internationalen Standardisierung standhaft verweigern, die Schweizer Berge in glimmender Farbgebung und eine Werkgruppe mit dem Titel Fuck you Goethe, die sich mit adoleszentem Sprachgebaren zum Bildungsbürgertum auseinandersetzt und nicht von ungefähr an den Kinokassenerfolg Fack yu Göthe aus dem Jahr 2013 erinnert.

Ihren Themen und Bildgebungen weist Euler wechselnde und unterschiedliche künstlerische Stile und Formate zu – zwischen Ernsthaftigkeit und unverblümter Albernheit schwankend, geschieht dies im Prozess zwischen Malerin und Malen selbst.

Als Ausgangspunkt und Methode zu einer komplexen Abfolge von Gemälden, die um das Wechselspiel zwischen Malerin und Malerei, Subjekt und Objekt, Empfindung und sprachlicher Reflexion und dem daraus resultierenden Thema der Spannung kreisen, empfängt die im oberen Stockwerk der Kunsthalle Zürich gezeigte Ausstellung die Besucher mit dem Werk Nude climbing up the stairs (2014). Der weibliche Akt, der die Treppe hinaufsteigt, ist ein Selbstporträt der Künstlerin. Das Bild, das sowohl sprachlich wie formal mit der kunsthistorischen Referenz Nu descendant un Escalier (1912) von Duchamp spielt, verkehrt und wendet Themen der Kunstgeschichte und behauptet diese neu und erneut. Die Treppe, der weibliche Akt, die Evokation von bekannten Werken und Motiven überlagern sich mit der tautologischen Wiederholung des gerade selbst erlebten Treppensteigens, dem sprachlichen Kollaps von Ausstellen und Herzeigen, künstlerischem Selbsteinsatz und objektivierbaren Bildtechniken. Als strukturell offene Beziehung zwischen Inhalt und Kontext, Maler/in und Betrachter/in, Subjekt und Objekt und den Themen der Bilder selbst entwickelt sich diese Spannung weiter im zweiten und grössten Raum der Ausstellung, in dem Bilder der Serie Fuck you Goethe gezeigt werden. In diesen Arbeiten werden die formalen Elemente des ersten Bildes mit Farbelementen der für die Folgeräume entwickelten Bilder verbunden und es findet ein Spiel mit Figuration, Abstraktion und fehlleitender Betitelung statt. Akademismus versus Freiheit, Ernsthaftigkeit versus Intensität, Lesbarkeit versus Ausdruck, Gefühl versus Verstand sowie Titel versus Bild werden in diesem Raum als Spannung entwickelt – und die Besucher erfahren diese Bilder in spannungsvollem Sitzen auf einer Bank, die wiederum entspanntes Sitzen verhindert. Sprache evoziert durch Erfahrung. Die Präsenz oder eher Evokation sprachlicher Präsenz kulminiert im Bild Analysemonster (2013). Das Gemälde nimmt Anleihen an die aus der alternativen Heilkunde bekannten Körpercharts, auf denen jedes Körperteil entsprechend seiner Therapiebedeutung direkt proportional dargestellt wird. «Analysemonster» folgt einer Logik perfekter Lesbarkeit jedes wie auch immer gearteten menschlichen Körpers – und der Surrealität dieses Repräsentationsanspruchs. Diese Überforderung der Repräsentation und die Grenzen des Symbolischen setzt sich fort in den Arbeiten Talking about love in 3 different languages und Talking about love in 4 different languages (2014). Egal wie viele oder wie komplexe Sprachen ein Bild heranzieht, ist es schlussendlich doch immer nur ein Gefühl, das spricht?

 

Im dritten Raum der Ausstellung zeigt die Künstlerin drei Gemälde schematisch figurativer Airbrush-Darstellungen von Steckdosen aus Deutschland, Belgien und der Schweiz in extremer Übergrösse. Alle drei Steckdosen haben die Funktion der Distribution von Energie, ohne dass eine Vereinheitlichung der Stromverteilung durchgesetzt werden konnte – eine anachronistische Form nicht-standardisierter, nicht kanonisierter Abläufe mit Konsequenzen, die die meisten von uns schon erlebt haben – kein Adapter, keine Energie, trotz aller technischen und politischen Entwicklungen: Scheitern. Beschränkt auf Umriss, Punkt und Strich rufen die Steckdosenbilder anthropomorphe und geschlechterspezifische Assoziationen hervor. Sie lassen uns über männliche und weibliche Kennzeichen nachdenken, aber auch über das Öffnen und Schliessen von Raum gerade durch diese visuelle Reduktion auf wenige Elemente. Die Werke tragen den Titel der Ausstellung, Where the energy comes from 1, 2, 3. Die bildliche und sprachliche Repräsentation des Energieflusses aber kehrt sich in einer weiteren Aktivierung des Spannungsverhältnisses von Sprache, Realität und Darstellungsverfahren zu Fragen räumlicher und sozialer Beziehungsverhältnisse (“Ich möchte, dass das Verb ‚steckdosen‘ ebenso existiert, wie die Möglichkeit eines Manifests für Verletzlichkeit.“ Jana Euler) – und in einem Doppelsalto zu Wirkungsweisen der Malerei selbst: eine farblich ins Extrem gesteigerte expressive Schweizer Landschaft lässt psycho-geografisch sowohl die Kraft der Farben als auch die aufgeladene Geschichte der zahlreichen utopischen und esoterischen Gruppierungen aufleben, die sich in die Bergwelt der Schweiz zurückgezogen haben. Im Gemälde Human size (2014) ist ein überdimensionierter Affe in die Kontemplation über eine Pflanze in seinen Händen vertieft. Die Malerei reagiert auf diese klischierte Darstellung humanisierter Animalität mit einer Geste der Abstraktion und lässt sowohl den haarigen Affen wie das Bild selbst erröten – dort, wo wir das als Menschen tun.

 

In einem weiteren sprachlichen wie bildlichen Brückenschlag begegnen wir im letzten Raum der Ausstellung drei Porträts von Männern. Bezeichnenderweise zeigt eine der Darstellungen den Meister der nonverbalen Körpersprache, Samy Molcho. Men painted with no eyes (projection), Men painted with one eye (the confident man) und Men painted with two eyes (Leif) (2014) unterscheiden sich dadurch, in wie vielen Dimensionen (erdacht, in Person vor Ort im Atelier oder als Abbildung in einem Buch) und wie lange das Modell während der Bildentstehung präsent war – und handeln damit vor allem von der Beziehung der Malerin zum Gemälde und zum Prozess des Malens selbst. Wenn wir den Weg zum Ausgang der Ausstellung nehmen dann begegnen wir ihm wieder, dem Selbstporträt der Malerin, energetisch und gewitzt auf der Treppe entschwindend.

September

26 Fr

Oktober

25 Sa