Jordan Wolfson

13.11.2004-09.01.2005
Jordan Wolfson
Deutsch
Week

Begleitet von etudenhaft und zögerlich gespielten Klavierklängen bewegen wir uns in der 3D- Animation «Infinite Melancholy» (2003) des amerikanischen Künstlers Jordan Wolfson (geb. 1980) über einen visuellen Musterteppich, der von der unendlichen Repetition des Namens „Christopher Reeve“ gebildet wird. Unsere Annäherung und Entfernung zu diesem Teppich, der die eigentliche räumliche Realität im Film herstellt, ist gestaltet wie eine Schaukelbewegung, in der Beschleunigung und Verlangsamung wirksam werden für einen Kontakt mit den zahlreichen Evokationen, die der Name „Christoper Reeve“ auslöst. Die grandiose Fahrt zwischen direktem Lesekontakt und abstrakter Unendlichkeit des Musters ist aber auch die Begegnung mit einer Realitätsgrundlage, die aus medial interpretierten und manipulierten Vorstellungen von Emotionen, Werten und Narrationen gewoben ist. Christopher Reeve, viermaliger Superman-Darsteller und Gentleman und seit einem tragischen Reitunfall vor neun Jahren an den Rollstuhl gebunden, steht für eine dramatisch direkte Übertragung von Mythen der Traumfabrik Hollywoods in die “reale” Wirklichkeit: Seit seinem Unfall setzt er sich mit einer Paralyse-Stiftung beispielhaft für die Forschung in diesem Bereich für ebenfalls querschnittsgelähmte Leidensgenossen ein. Er wird zum neuerlichen, nun realitätsgeprüften Helden der positiven Schicksalsbewältigung und des altruistischen Engagements. Dass wir, trotz des realen Leids und der realen Behinderung (und trotz der gerade veröffentlichten Todesmeldung des Schauspielers) Schwierigkeiten haben, Gefühle und Wahrnehmungen hinsichtlich dieser Biographie und dieses Lebens ohne Anführungszeichen zu empfinden, hat mit der Perfektion medialer Durchdringung zu tun, mit der und in der wir existieren und mit der sich unsere Wirklichkeit konstituiert.

Die immer vorhandenen Anführungszeichen der Ironie gegenüber dem “echten“ Gefühl oder dem, was wir uns darunter vorstellen könnten, zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk von Jordan Wolfson. Immer als Projektionen präsentiert, entstehen seine Arbeiten in den unterschiedlichen medialen Techniken: Computeranimationen, Film oder Video. In bis anhin acht Arbeiten hat er sich mit den Bildern und Wirkungsmechanismen der Medienindustrie auseinandergesetzt – entstanden sind meist clipartige Filmstücke, die mit sozusagen einem Bild und einer Evokation in die Zweifelhaftigkeit, Fragilität und Ambiguität unserer emotionalen Strickmusterhaftigkeit verführen.

In «Nostalgia is fear» (2004) rieselt künstlicher Schnee auf einen silbernen Porsche 911 von 1972, stimmungskräftig untermalt von einer Tonspur mit emotionsknackenden Hits aus der Popgeschichte (Nobody Knows The Trouble I've Seen, Heart Of Gold, Scarborough Fair/Canticle, Suzanne, Stairway To Heaven, Something's Coming u.a.); in «Procession» (2004) tanzen Skifahrer auf einer weissen Fläche zu einem Remix des Pink Floyd Songs «Money»; «Neverland» (2001) fragmentiert den Michael-Jackson-Film «Live from the Neverland Ranch» von 1993 auf die Augen des Sängers, die wackelig und haltlos in einer cremefarbenen Oberflächensuppe irren. In «The Crisis» (2004) sieht man den Künstler selbst in einer romanischen Kirche, wie er sich über die grössten Kunstwerke der Geschichte begeistert und zugleich an dieser Grösse hinsichtlich seiner eigenen Zukunft verzweifelt.

Jordan Wolfsons Untersuchungen der mediengemachten Emotionen und Erlebensweisen ist immer auch geprägt vom inzwischen “post-ironisch” genannten Versuch einer Untersuchung der Bedeutung von real erlebten Momenten, die das Sentiment, die Emotion, das Authentische ohne medial verbrämte Anführungszeichen und zugleich ohne neokonservative Rekonstruktionen befragen möchte.

In der Kunsthalle Zürich stellt er sich mit zwei Arbeiten vor, die als zwei aufeinanderfolgende “Ausstellungen“ präsentiert werden: An die Präsentation der oben beschriebenen Animations- Arbeit «Infinite Melancholy» von 2003 schliesst ab 18. Dezember die für die Ausstellung entstandene Arbeit «Dreaming of the dream of the dream» (2004) an. Der geloopte 16mm-Film versammelt Found-Footage aus unterschiedlichsten Film-Quellen, das mit dem Bild des Wassers operiert, Wasser als Sehnsuchts-, Lebens- und Traummotiv – ein Bild, das sich im Verlaufe der Ausstellung durch den Gebrauch nur einer Filmrolle für die Präsentation abnützt und damit langsam verschwindet.

Die Kunsthalle Zürich dankt: Präsidialdepartement der Stadt Zürich, Luma Stiftung Unser Vermittlungsprogramm wird unterstützt von Swiss Re