Liam Gillick

26.01.2008-30.03.2008
Liam Gillick
Three perspectives and a short scenario
Deutsch
Week

Mit einer Retrospektive zum Werk des britischen Künstlers Liam Gillick beginnen wir das Jahresprogramm 2008. Die Three perspectives and a short scenario betitelte Ausstellung ist vom 25. Januar bis 30. März in der Kunsthalle Zürich zu sehen.

Die Zürcher Retrospektive ist eingebettet in ein mehrteiliges, Zeiten und Orte verknüpfendes Ausstellungsprojekt, das eine Übersetzung der Konzepte und Arbeiten aus dem Werk der letzten 20 Jahre in die Form einer anderen – auf die akkumulierende Repräsentation von Werken verzichtende Übersichtsschau – wählt: An vier geographisch getrennt liegenden Institutionen wird der Versuch unternommen, mit unterschiedlichen Ausstellungsformaten, präsentierten Objekten und architektonischen Eingriffen einen vertiefenden Einblick in ein höchst vielfältiges Oeuvre des Künstlers zu erarbeiten.

Die Arbeit Liam Gillicks sprengt genre- und medienspezifische Grenzen der visuellen Kunst. Er nimmt architektonisch-strukturelle Raumeingriffe vor, schafft minimalistische Objekte sowie grafische Arbeiten und Wandgemälde. Ein weiterer wichtiger Aspekt Gillicks Schaffen ist seine extensive Schreibtätigkeit: Neben Essays verfasst er Kritiken über Künstlerkollegen, ist Autor fiktionaler Zukunftsvisionen und historischer „Reinterpretationen“. Darüber hinaus komponiert er Filmmusik, kreiert theaterähnliche Szenarien oder tritt als Ausstellungsmacher in Erscheinung. Sein Werk ist in allen Äusserungsformen eine andauernde Untersuchung der Strukturen, die unsere kulturelle und politische Realität prägen. Diese benutzt er als „Formenvokabular“, untersucht die Geschichte auf ihre behaupteten progressiven Vorschläge zur Gestaltung und Formung von Gesellschaften und stellt sie als potentiell utopische Modelle kritisch zur Diskussion.

Liam Gillick setzt in seinen Objekten und Installationen industrielle Massenware wie Aluminium, Spanplatten und Plexiglas ein. Die daraus entstehenden modularen Objekte definieren Orte in Räumen oder werden zu raumfüllenden Installationen arrangiert, wobei Gillick immer die Struktur und die Bedeutung des Ausstellungsraumes in seine Arbeit mit einbezieht.

Ein Jahr trennt die parallel laufenden Ausstellungen in der Kunsthalle Zürich (25. Januar bis 30. März) und dem Witte de With, Rotterdam (19. Januar bis 24. März) von der Eröffnung der Retrospektive im Museum of Contemporary Arts in Chicago im Januar 2009. Zwischen den Ausstellungen in Europa und den USA wird von Juni bis August 2008 im Kunstverein München ein neues „Szenario“ produziert, aufgeführt und gefilmt. In diesem Theaterstück werden die verschiedenen Protagonisten und Kollaborationen, die das Werk des Künstlers beeinflusst haben, untersucht und aufgezeigt.

Die räumliche und inhaltliche Struktur der beiden parallel laufenden Ausstellungen in Zürich und Rotterdam wird durch ein einheitliches gedankliches Konzept vorgegeben: Ein Poster einer für jede Institution entwickelten Komikfigur empfängt den Besucher im Eingangsbereich. Eine eigens entworfene architektonische Struktur aus dunkelgrauen Raumteilern gibt den Weg durch den Ausstellungsparcours vor. Der Besucher wird entlang dieser zu den Herzstücken der Ausstellung geführt: Tischvitrinen, gefüllt mit dem persönlichen Archiv des Künstlers sowie einer Filmprojektion.

Gillicks hier gezeigter erster Dokumentarfilm fungiert als Neufassung seines gesamten Werks und beruht auf Dokumenten seiner Projekte von 1988 bis zu dem kürzlich abgeschlossen «unitednationplaza»-Projekt in Berlin. Gillick ersetzt das Format einer Retrospektive durch einen Film über sein eigenes Schaffen: Die sonst ein Oeuvre dokumentierende Präsentation von Werken wird vom ihm übersetzt in ein filmisches Werk, das als Dokumentation des Schaffens eines Künstlers durch den Autor selbst eine tautologische Meta-Ebene der Werkinterpretation darstellt.

In beiden Institutionen definiert Liam Gillick zusätzlich einen von ihm unbespielten Ort als „institutionelle Zone“, die er in die Verantwortung der kuratorischen Teams der jeweiligen Institution zurückgibt. Diese Geste kann entweder als grosszügig oder provokant verstanden werden. Sie will die Aufteilung der Verantwortlichkeiten zwischen Künstler und Institution für das Entstehen einer Ausstellung aufzeigen.

In der Kunsthalle Zürich wird in dieser institutionellen Zone eine sequentielle Übersicht der weniger bekannten ephemeren und konzeptuellen Arbeiten in Absprache mit Liam Gillick gezeigt. Diese Entscheidung entstand aus intensiven Diskussionen mit dem Künstler über die Definition institutioneller Praxis allgemein und der Auffassung der Kunsthalle Zürich, dass die institutionelle Realität massgeblich durch das Werk der ausstellenden Künstlerinnen und Künstler definiert und variiert wird. Zusätzlich zu Kurzpräsentationen der konzeptuellen Stücke und ephemeren Werke werden Sonderveranstaltungen wie Lesungen und Symposien kollaborative und diskursive Elemente im Werk des Künstlers thematisieren. Das detaillierte Programm dieser Retrospektive in der Retrospektive wird sowohl in den Ausstellungsräumen selbst wie auf unserer Homepage aktuell angekündigt.

Ein umfasssender, Liam Gillicks Werk in kritischen Analysen fassender Katalog entsteht im Verlaufe des kommenden Jahres und erscheint zur Eröffnung im MCA Chicago mit Beiträgen und Dokumenten von allen beteiligten Institutionen.

Liam Gillick (*1964, UK) lebt und arbeitet in London und New York. Liam Gillick war mit wichtigen Einzelausstellungen in folgenden Institutionen vertreten: 2005, Palais de Tokyo (Paris) und ICA (London); 2003, „Projects“ im Museum of Modern Art (New York) und The Power Plant (Toronto); 2002, Whitechapel Gallery (London); 1999, Kunsthaus Glarus (Glarus), und Frankfurter Kunstverein (Frankfurt); 1998, Villa Arson (Nizza) und Kunstverein Hamburg (Hamburg); 1997, Le Consortium (Dijon).

2002, Nominierung für den Turner Prize. Liam Gillick ist für den Vincent Award 2008 im Stedlijk Museum Amsterdam nominiert.

Die Kunsthalle Zürich dankt: Präsidialdepartement der Stadt Zürich, Luma Stiftung, Stanley Thomas Johnson Stiftung