Nicole Eisenman

31.03.2007-20.05.2007
Nicole Eisenman
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Die amerikanische Künstlerin Nicole Eisenman (geboren 1965 in Verdun, Frankreich, lebt und arbeitet in New York) tritt seit den 1990er Jahren mit einem figurativen malerischen Werk hervor, das spielerisch und mit grosser künstlerischer Freiheit Stil- und Kompositions-elemente aus der Geschichte der Kunst von der Renaissancemalerei bis in die Moderne – aber nicht in die Postmoderne – mit Komik, Slapstick, TV-Kultur, Pornografie und subkulturellen Bildstrategien verbindet. Die Ausstellung in der Kunsthalle Zürich ist die erste umfassende Übersichtsausstellung der Künstlerin in einer Institution. Die zirka 30 Ölbilder und über 100 Zeichnungen wandern im Juni an ihre zweite Ausstellungsstation ins Le Plateau / Frac Ile de France in Paris.

Opulente Gruppenszenen, die an die Geschichte der Historienmalerei und die Wandgemälde des sozialistischen Realismus der 1930er Jahre anknüpfen, stehen neben zugleich meisterlich gemalten wie krude karikaturhaften Porträts und mythologischen Burlesken. Zentral in Eisenmans Schaffen ist ein exzessiver zeichnerischer Werkkomplex, der alle klassischen Bildtypen und zwischen Unerhörtheit und Dämlichkeit formulierte Bildwitze umfasst.

Nicole Eisenmans Werk ist eine inspirierte und genussvolle Demontage von Verträgen und Konventionen in Kunst und Gesellschaft – und befrägt gesellschaftliche Modelle insbesondere durch Verkehrung von weiblichen und männlichen Rollenklischees. Anfang der 1990er Jahre machte sich Nicole Eisenman mit monumentalen Wandgemälden und grossformatigen Zeichnungsinstallationen im Umfeld einer Generation von Künstlerinnen einen Namen, die im Gegensatz zur Dominanz von Fotografie und Sprache im Werk ihrer Vorgeneration, mit Malerei und Skulptur eine persönliche Sprache zentral setzten. 1993 und 1994 nahm sie an zwei Ausstellungen teil, die unabhängig voneinander im ICA London und im New Yorker New Museum sowie der Wight Art Gallery in Kalifornien stattfanden und unter dem Titel Bad Girls sogenannte feministische Positionen mit Arbeiten vorstellten, die, so Marcia Tucker im Katalog zur Ausstellung, „respektlos, antiideologisch, undoktrinär, nicht didaktisch, unpolemisch und zutiefst nicht ladylike“ sind. Sue Williams, Nicola Tyson, Collier Schorr, Zoe Leonard, Helen Chatwick sind nur einige Namen, die in diesem Zusammenhang zu nennen sind.

Michelangelo, Géricault, Rubens, Norman Rockwell, Delacroix, Tizian, Breughel, Picasso, Matisse, Ingres, Hogarth, Dürer, die Neuen Wilden, Underground Cartoons des East Village, Horrorfilme, Volkskunst, Kitsch, Pornografie, Beckmann, Dix und Grosz sind Assoziationen, die sich in der Begegnung mit dem Werk der Künstlerin einstellen. In ihren Gemälden tummeln sich nackte Amazonen in grossen Gruppenszenen, die utopische Versionen anderer Weltordnungen darstellen. Verschlungene, nackte Männerkörper schweben als Wolken oder sitzen in Bäumen über lasziv gelangweilten Frauen, archaische Gesellschaftsrituale treffen auf Zukunftsvisionen und werden verkehrt, sexuelle Versprechen in Kunst und Medien geraten in beissenden Formulierungen und mit viel Humor unter die Räder und werden von einer explizit lesbischen Warte aus umformuliert.

Nicole Eisenmans Figuren bewegen sich in üppigen Traumlandschaften und Idyllen; sie führen bekannte Handlungen an bekannten Orten öffentlichen Lebens aus wie in Akademien, Museen, im Handel, Sport und der Politik. Eisenmans Werk handelt von Machtverhältnissen und von Ohnmacht, von Kunst und Kommerz, Konsum und Sex, von den Möglichkeiten, die Professionalität und Dilettantismus zur Verfügung stellen, und davon, wie künstlerischer Erfolg und das alltägliche Leben konstruiert sind. Zugleich befassen sie sich mit der Frage danach, wie sich das Individuum und sie selbst als Künstlerin und Frau sich in diesen Rollen positionieren können.

Eisenmans Erzählungen grotesker Umformulierungen gesellschaftlicher Ordnungen oder ihre Darstellungen menschlicher Individualität sind stets von einem möglichen Scheitern oder dem Zusammenbruch der Szene durchdrungen: Bildinhalte, malerische Vorgehensweise und Aussage widersprechen sich, handeln vom Verfallszustand historischer wie aktueller Konventionen. Die Arbeit Dysfunctional Family (2000) etwa zeigt ein trügerisches Familienidyll: Ein Baby schaut trübe und ratlos auf seine Exkremente, Papa zieht sich eine Pfeife rein und Mama öffnet lasziv ihre Schenkel; eine Szene ambivalent aufgeladener Verhaltensweisen, die Eisenman so darstellt, dass alle Aktionen auch noch etwas anderes bedeuten können.

In ihren Zeichnungen und insbesondere in ihren grossformatigen Installationen mit Arbeiten auf Papier und verschiedensten Materialien bezieht sich die Künstlerin häufig selbst mit ein: 1995 nahm sie an der Whitney Biennale mit einer grossen Wandmalerei (Exploding Whitney), die das Museum in Ruinen zeigte, und einer Zeichnungsinstallation teil, die unter dem Titel Whitney ‘Buy any Ol' Painting Sale’ die Künstlerin Eisenman, die Kunst und den Kommerz persiflierte und mit ihrer Attitüde zwischen Punk, DIY, Dilettantischem und Altmeisterlichem Aufsehen erregte.

Für die Ausstellung in der Kunsthalle Zürich plant die Künstlerin einen ganzen Raum mit Arbeiten auf Papier, Objekten und graffitiartigen Interventionen, den sie als Zeichnungsklinik bezeichnet. Das Unfertige und das Fertige wird hier nebeneinander gestellt. Dazu lädt Nicole Eisenman Künstlerinnen und Künstler aus Zürich ein, gescheiterte, unvollendete und von ihr verworfene Arbeiten zu bearbeiten. Ihre performative Anlage einer Installation im institutionellen Kontext findet auch in ihrem alltäglichen Umgang mit Kunst Parallelen: Regelmässig gibt die Künstlerin das (ziemlich unerhörte) Zine Ridykeulous heraus, in dem sie Arbeiten anderer Künstlerinnen vorstellt, und sie betreibt einen Kunst-Internet Blog mit dem Titel A Blog called Nowhere.

Nicole Eisenmans neuere Gemälde spannen einen Bogen zwischen ‚schlechter‘ Malerei und in zunehmendem Masse üppigen, pastosen Formen der Abstraktion. Die Arbeit Progress: Real and Imagined (2006) ist ein monumentales Gemälde in zwei Teilen, das von diversen Szenen zivilisatorischer Ideal- und Katastrophenfälle bevölkert ist, von biblischen Anklängen, Höhlenmenschen, Geistern, Jägern und Sammlern, von Kriegen, Handel, Zerstörung, Gewalt und fliegenden Hamburgern, die wie U-Boote im dramatischen Himmel hängen. Von links nach rechts wandert man durch eine apokalyptische Welt und landet in der Kunst, dem Kunstmachen und der scheinbar rettenden Arche der Imagination, die im stürmischen Weltenmeer schwankt. Selbst eine Schweizer Fahne weht im Wind, die sich neben einem slapstickartig aus dem Wasser gehaltenen Rettungsring von einem der Rettungsboote erhebt, die das Bild des Künstlers in seinem Arche-Atelier umkreisen, dessen Vorstellungen und künstlerische Realisierungen wohl nicht nur die breite Stilvielfalt der malerischen Darstellungen des Bildes kreieren, sondern auch die Gleichzeitigkeit aller Zeiten und Stile, Möglichkeiten und Katastrophen.

Die Kunsthalle Zürich dankt: Präsidialdepartement der Stadt Zürich, Luma Stiftung

Die Ausstellung wandert anschliessend vom 6. Juni bis 19. August 2007 ans Le Plateau / Frac Ile de France.