Churchgoer Axel: «Das New York Sankt Gallens»

Axel Humpert ist Architekt und leitet zusammen mit seinen Freunden Benedikt Boucsein und Tim Seidel das Architekturbüro BHSF Architekten in Zürich. Für die Kunsthalle Zürich wird er vier Wochen lang zum Churchgoer und teilt hier seine Beobachtungen mit:

Meinen Einstand als «Churchgoer» habe ich an der ersten Veranstaltung der Gesprächsreihe von Galleries Now. Sowohl Kirchen als auch Gallerien sind bisher keine Orte, die ich häufig und erst recht nicht regelmässig besuche; auf zwei Ebenen ungewohntes Terrain. Vor der Tür raucht Daniel Baumann, es hat also noch nicht begonnen. Ich nehme mir ein Bier und streune ein wenig durch den Raum, überlege ob mich an diesem Ort etwas an eine Kirche bzw. an das, was ich, als im christlichen Abendland aufgewachsener Mensch als solche bezeichnen würde, erinnert. Normalerweise befällt mich in Kirchen immer ein beunruhigender Wunsch nach Ruhe und innerer Einkehr oder wie man das sonst nennen würde. Das kirchentypische Zwielicht, die kaltfeuchte Luft und eine spürbare Ehrfurcht derer, die nicht nur als Tourist anwesend sind, lösen das vermutlich aus; oft spielt auch der Masstab bzw. das «Sich-Klein-Vorkommen» eine Rolle. «The Church» in der Kunsthalle ähnelt, wenn überhaupt, in nur wenigen Dingen einem für mich gewöhnlichen Gotteshaus. Der Bilder-Vorhang und die Lage des Eingangs, sowie die ansonsten verkleideten und nun erfreulicherweise freigelegten Stahlträger an der Decke geben dem Raum eine klare Richtung, ein Vorne und ein Hinten, etwas Spezifisches im Gegensatz zu den ansonsten so abstrakten und unspezifischen Ausstellungsräumen.

Für die heutige Veranstaltung sind die Stühle von Pruitt regelmässig aufgereiht und auf eines seiner helleren «Suicide Paintings» werden Bilder zum Gespräch mit der Galeristin projiziert. Streng genommen irgendwie ein Sakrileg, aber praktisch. Vorne nehmen Susanna Kulli, Jochen Hesse und die Gastgeberin Christina von Rotenhan Platz und, nach einer kurzen und sehr sympathischen Einführung von Daniel Baumann, das Gespräch auf. Es geht um das Werk der Galeristin Susanna Kulli und auch darum wie minutiös sie dieses über all die Jahre archiviert hat. So minutiös nämlich, dass es am selbstgewählten Ende ihrer Karriere fast unbearbeitet in die Graphische Sammlung der Zentralbibliothek Zürich wandern konnte. Aus dem Grund sitzt wohl auch Jochen Hesse, der Leiter der Selbigen da und freut sich nicht nur über das Geschenk an die Sammlung, sondern auch über den dazu entstandenen Katalog.

Wie ich zu Beginn bereits erklärt habe, bin ich weder in Kirchen noch in Galerien ein regelmässiger Gast und meine Vorbildung zur Schweizer Kunstszene von den 1980er Jahren bis heute hält sich leider noch in Grenzen. Ich würde mich als interessiert aber unwissend bezeichnen. Das anwesende Publikum scheint mir besser informiert und meist auch älter. Zumindest wird häufig zustimmend genickt und die fallenden Namen von Galerien, Galeristen und Künstlern scheinen allgemein bekannt. Auch wenn der Ein- bzw. Durchblick bei mir oft fehlt ist das Gespräch interessant. In einer Messe hätte ich auch nur wenig verstanden. In jedem Fall bleiben im Laufe des Abends manche Satzfragmente der Hohenpriesterin Kulli hängen, die ich auch notiere weil das meine Ernsthaftigkeit als Kirchgänger unterstreicht. Fragmente über die ich nachdenke, die mich die Bedeutung einer Galeristin für eine Stadt, ein Land und deren Gesellschaft aber vor allem für ihre Künstler erahnen lässt… „«Das New York Sankt Gallens», «Museumslose Zeit wie Fussballverein ohne Stadion», «In großen Räumen werden die Werke größer», «Ich habe dem Faxpapier von Anfang an mistraut» und, als Antwort auf eine von insgesamt zwei Fragen aus dem Publikum, «Die alleinige Verantwortung für einen Künstler wollte ich nie».

Ich freue mich auf das nächste Gespräch in dieser Reihe mit Renée und Maurice Ziegler.