Churchgoer Paul: «Treibstoff für die Seele»

Churchgoer Paul Fischli hat diese Woche den Gang in die Kirche genommen und einen Gottesdienst in The Church besucht:

Was treibt den Jazz in die Kirche? Die Organisation Blue Church will «kirchennahe Jazzmenschen oder jazznahe Kirchenmenschen» ansprechen und lädt Sonntagnachmittags um 17 Uhr zum Jazzgottesdienst in die Ausstellung von Rob Pruitt. Ein weiterer interessanter Ansatz.
 
Bei einem Nachtessen unter Bekannten bringt Jasmin das Thema Kunsthalle auf. Sie interessiert sich für Religionen im Allgemeinen und besucht immer wieder andere Institutionen. In diesem Zusammenhang ist sie auf den Jazzgottesdienst gekommen. Für sie das erste Mal, dass sie überhaupt in der Kunsthalle Zürich war. Ich erzähle ihr darauf von meinem Engagement, und plötzlich nimmt der Abend einen ganz neuen Verlauf. Wir sind mitten im Thema…..
 
Es ist kalt draussen am Sonntag, kaum jemand ist unterwegs. In der Kunsthalle sind dann doch knapp zwanzig Leute, mehr Frauen als Männer, ein Kind. Wir sitzen still im Halbkreis vor einem der weissen Suicide Paintings, das als Projektionsfläche dient. Links ein altes Klavier, rechts der Theologe, Matthias Krieg. Das Thema: «An Old Cathedral Town» – Texte und Bilder, über die er sprechen wird. Danach jeweils eine Improvisation von Lars Schmid am Piano. Dreimal ein Dialog Bild, Text, Ton.
 
Als erstes zeigt Krieg den Songtext zu Boulevard Of Broken Dreams: «Gigolo und Gigalette mit ihren zerbrochenen Träumen auf dem Boulevard der zerbrochenen Träume». Er zieht Vergleiche zur postmodernen religiösen Sehnsucht und verweist auf Rob Pruitts Vorhang Spirituality Mood Board.
 
Als nächstes: ein Tempel. «Kein Tempel kann ohne Symmetrie und Proportion eine vernünftige Formgebung haben, wenn seine Glieder nicht in einem bestimmten Verhältnis zu einander stehen.» Krieg zeigt Da Vincis Vitruvianischen Menschen als das Ideal der Proportionen von Quadratur und Kreis. Der wohlgeformte Mensch und der Tempel als Figur des Humanen. Die Kirche – ein Sehnsuchtsraum?
 
Schliesslich ein Auszug aus Hanns-Josef Ortheils Roman Die Erfindung des Lebens, erschienen 2009. Daraus ein berührender Abschnitt über einen Buben, der durch ein kleines Loch im Kirchendach einen Sonnenstrahl entdeckt. Durch einen Dachschaden. Verblüffende Nähe zu Leonard Cohens Song Anthem von 1992: «There is a crack in everything – that is how the light gets in».
 
Zum Schluss bittet uns Krieg aufzustehen; zum Gebet lädt er uns ein, an Menschen zu denken mit zerbrochenen Träumen. Dann noch Sometimes I feel like a Motherless Child, der klassische Gospel, zum Mitsingen.
 
Wir brechen auf, die meisten von uns gedankenversunken; ein paar, die sich kennen,  stehen noch zusammen. Mir bleibt als Eindruck ein stimmiges Erlebnis, Matthias Kriegs verständlich und bildhaft erläuterte Texte, ergänzt mit Lars Schmids ruhigen und einfühlsamen Reflexionen am Piano. Jazz meets Sermon ist der Claim von Blue Church. Treibstoff für die Seele, heisst es. Ich erzähle Jasmin davon, als wir uns am nächsten Tag zufällig beim Einkaufen treffen.

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06.03.2018