Reading Rämistrasse #14: Daniel Baumann zu Norm beim Museum für Gestaltung

Ich bin ein zweites Mal hin. Beim ersten Besuch hatte ich nichts verstanden, obschon: «It's not complicated». Norm ist ein Grafikerbüro 1999 gegründet in Zürich, ist Dimitri Bruni, Manuel Krebs und Ludovic Varone und ihre «Schriften, Bücher, Plakate oder Corporate Designs führen die Tradition des Swiss Style in die Zukunft» (Website des Museums für Gestaltung). Ihre Grafik, Herangehensweise und Haltung sind vielen Vorbild, ihre Auftraggeber*innen kommen vorwiegend aus Kunst und Kultur, aber Omega, Swatch und der Flughafen Köln/Bonn gehören ebenfalls zu den Kund*innen. Natürlich habe ich ein bisschen Leistungsschau erwartet, «Schaut her, was wir alles gemacht haben», und wollte endlich alle Kataloge durchschwelgen, die Plakate, Jahresberichte und Teetassen. Nein, nichts davon. Keiner der Kataloge für Wim Delvoye, ECAL, Peter Fischli und David Weiss, Katharina Fritsch, Galerie Eva Presenhuber, JRP/Ringier, Hauser & Wirth, Lars Müller Publishers, Mark Leckey, Christian Marclay, Caro Niederer, Migros Museum für Gegenwartskunst, Museum für Gestaltung, Shirana Shahbazi, Simon Starling, Kelley Walker, Andro Wekua u.a.m.

«It's not complicated» im Museum für Gestaltung beginnt farblos-schwarz-weiss, ist Grundlagenforschung und trocken wie der Besuch einer protestantischen Kirche. Hier muss gearbeitet werden. Die Ausstellung gliedert sich in neun Kapitel und geht den grundlegenden Elementen grafischer Gestaltung nach, also Dimension (Grössenordnung), Size (Grösse), Ratio (Verhältnis), Division (Gliederung), Occurence (Begebenheit), Intention (Absicht), Picture, Letter, Alphabet. Das müssen Wörter und Konzepte sein, die in der Welt der Grafik wichtige Rollen spielen, manche verstehe ich, andere nicht, deswegen bin ich auch da. Im zweiten Teil der Ausstellung (farbig) wird dann gezeigt, wohin diese langjährigen Auseinandersetzungen geführt haben, vorwiegend bezüglich der von Norm entwickelten Schrifttypen wie Simple, Normetica, Purple, Replica oder Riforma. Im Gegensatz zu Grafik, verspricht die Entwicklung eines Schrifttyps Autonomie, paradoxerweise.

Der spröde Charme, die Intelligenz und der eigenartige Witz dieser Ausstellung, die einer Bedienungsanleitung zum Denken ähnelt, die sich immer gleichzeitig auch selber denkt, liegt tatsächlich in ihrer Einfachheit (It's not complicated). Diese aber generiert pausenlos Widersprüche, so dass alles einfach kompliziert oder kompliziert einfach ist. Im ersten Kapitel, in «Dimension», wird beispielsweise klar gemacht, dass, was in einem zweidimensionalen Raum erscheint (z.B. auf einem Blatt Papier), zweidimensional wird. Unmittelbar neben dieser Feststellung hängt der Beweis bzw. der Widerspruch: es ist das Foto (zweidimensional) eines Blatt Papiers, aufgenommen mittels eines Rasterelektronenmikrosops, das zeigt, wie dieses Papier in Wirklichkeit dreidimensional ist (die Fotografie aber nicht), eine Art monströse Platte aus zusammengefügten Fasern (je nach Sichtweise). Das Gleiche gilt für die Grafik, sie ist immer eine Sichtweise und organisiert Raum. Im Falle eines Blattes den zweidimensionalen Raum, während der Träger selbst jedoch nicht zweidimensional ist. Ist Grafik deswegen nichts anderes als eine Erscheinung? Ist sie in Wirklichkeit nicht Wirklichkeit, da der zweidimensionale Raum, den sie organisiert, gar nicht zweidimensional ist? Ist Grafik somit ein Phantom? Und diese Ausstellung die Ausstellung einer Ausstellung? Oder eher ein Buch? Hey, it’s not complicated, einfach hinfahren, sich durchhangeln und zu Hause weiterdenken.

Norm: It's Not Complicated, Museum für Gestaltung Zürich, Ausstellungsstrasse

Bis 27. September 2020

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03.09.2020