Reading Rämistrasse #15: Jörg Scheller zu Charles Benjamin bei Windhager von Kaenel

In Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und bewusst geschürter Kulturkämpfe ist Kunst vermehrt dazu angehalten, sich über Dringlichkeits- und Relevanznachweise zu legitimieren. Nur Kunst, die sich positioniert und solidarisiert, die sich abgrenzt und bekennt, die hilft und heilt und verbessert und voranbringt, ist Kunst, die an der Zeit ist! Dabei könnte man die Sache auch ganz anders sehen. Gerade in einer Zeit, in welcher der heilige Ernst fröhlich Urständ feiert und sich so mancherorts die Fronten verhärten, bedarf es einer Kunst, die sich den Eskalationsspiralen, dem Bekenntnisdruck, der Lagerbildung und der Selbstüberschätzung entzieht; eine Kunst, die sich dem ultimativen Konterrevolutionsverdacht aussetzt – albern und ironisch zu sein![1] Kurz, eine Kunst wie die von Charles Benjamin.

In der vor wenigen Monaten eröffneten Galerie Windhager von Kaenel sind Benjamins aktuelle Arbeiten zu sehen (2019 – 2020). Der 31-jährige Schwede hat, aus Gründen, die sich unserer Kenntnis entziehen, kleinformatige Stillleben in Öl gemalt. Mit pastosem Farbauftrag à la École de Paris, in erdigen Brauntönen, mit ein paar Manet-Referenzen, wie sich das so gehört. Altmeisterlich meets klassische Moderne. Dann aber tupfte Benjamin in jedes Bild ein paar googly eyes. Fische mit googly eyes. Meeresfrüchte mit googly eyes. Geschirr mit googly eyes. Das ist unbestreitbar albern. Eine minimale Geste, ein Pennälerstreich. Haha. Aber was für eine Wirkung! Diese Bilder sind die ultimative Verdichtung des Was-wir-sehen-blickt-uns-an-Theorems von Georges Didi-Huberman und natürlich sämtlicher Akteur-Netzwerk-Theorien. Benjamin hat sie vom Kopf der Academia auf den Boden der popkulturellen Tatsachen gestellt. Dem 1-Euro-Shop-Gaga-Blick, der da aus dem tonalen Ölschleim blinzelt wie eine Flunder aus dem Meeresschlamm, kann man sich nicht entziehen. Hast Du Kirchgänger Kunst bislang wirklich ernst genommen?, scheinen die Augen spöttisch und zugleich ein wenig verzweifelt zu fragen. Inspiriert sind die Arbeiten von einem kuweitischen Fischverkäufer, der seine leblose Ware mit googly eyes beklebte, um sie frischer wirken zu lassen. Benjamin hat nicht nur die googly eyes appropriiert, sondern auch die Intentionalität des Verfahrens, um es einmal verschwurbelt auszudrücken: Er belebt Altmeistermief und Kunstüberhöhung wie der Fischhändler tote Fische.

Nebst den Stillleben sind einige grossformatige Shaped-Canvas-Arbeiten zu sehen, darunter die wunderbar ironischen, auf den Schweizer Maler Niele Toroni gemünzten Gemälde Toroni Shirt (Toroni-Shirt-förmige Leinwand, bemalt mit Toroni-Hosen-förmigen blauen Formen) und Toroni-Trousers (Toroni-Trousers-förmige Leinwand, bemalt mit Toroni-Shirt-förmigen weissen Formen). Benjamin nimmt den Serientupfer Toroni auf die Schippe und schlüpft in die Rolle des Kindes: Herr Konzeptkaiser, Sie sind ja nackt – ich hätte da Hemd und Hose für Sie!

Als Soundtrack dieser Ausstellung böte sich Cakes Song Tougher Than It Is an: «Well the more you try to shave the cat / The more the thing will bite and scratch / It's best I think to leave its fur / And to listen to its silky purr / Some people like to make life / A little tougher than it is / Some people like to make life / A little tougher than it is.» Und wenn man dann doch noch eine tagesaktuelle Dringlichkeit und Relevanz in all dem erkennen will: Albernheit ist vollendet inklusiv. Sie verbindet Kulturen, Identitäten, Ethnien und sonstige Fiktionen-Abstraktionen. Das Alberne ist ozeanisch, aber der Ozean ist seicht – gottlob! Im Albernen gibt es nicht mal eine Pointe wie im Witz, die das Vorangegangene auflöst, die Bedeutung festzurrt. Das Alberne ist offen, endlos, formlos, utopisch. Im Albernen ist Platz für alle – gerade, weil es keine ideologische Schliessung vornimmt. Ironie schliesslich vermittelt Ambivalenzkompetenz – alles, was ist, ist immer auch anders. Die Frühromantiker wussten das. Und Benjamin weiss es wieder.

 


[1] An dieser Stelle muss man sich mindestens drei von Edward Munch inspirierte Schrei-Emojis ("Face Sreaming With Fear") vorstellen.

 

Charles Benjamin: Not Again, Windhager von Kaenel, ab den 10. September 2020 

Bilder: courtesy der Künstler und Windhager von Kaenel

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Aoife Rosenmeyer
11.09.2020