Reading Rämistrasse #42: Mateo Chacon-Pino zu Kinke Kooi bei Galerie Bernhard

Aufquellende Körper, sich um die Augen rankende Pflanzen und Blumen, unendliche Fraktale schlängeln sich durch die Bildwelt der niederländischen Künstlerin Kinke Kooi. Die Ausstellung zeigt Werke aus den frühen 2000er bis heute. Sie stellt dem Zürcher Publikum eine Künstlerin vor, die es über die Jahre geschafft hat, figurative und abstrakte Elemente, beispielsweise Pflanzen und Fraktale, in zärtlicher Verbundenheit zusammenzubringen. Das dicke Papier, auf dem Kooi malt, erscheint fleischig, die fraktalen Formen drehen sich um abstrakte Geometrie, Korallenriffe und wulstige Körper. Ob es eine Brust oder ein Seeigel, eine Frucht oder ein dickes Laubblatt ist, die sich erkennen lassen – es sind lustvolle, erotische Bilder einer intimen Auseinandersetzung mit der Malerei und der Welt. Kooi setzt nicht die künstlerische Geste ins Zentrum, sondern die darstellerischen Möglichkeiten und die Beziehungen von Welt und Mensch in gegenseitiger Fürsorge: Referenzen an wissenschaftliche Pflanzendarstellungen, wie etwa jene von Maria Sibylla Merian, die sich zwischen Perlenketten und Haut ins Zentrum des Bildes ränken, deuten die Wissenschaft von einer objektivierenden Tätigkeit zu einer Hingabe um.

Es sind vor Allem die neuen Arbeiten, wie Growing the Seeds of Love, 2021, oder I will always be around, 2018, in welchen sich der Blick verlieren kann. Die Darstellung scheint organisch gewachsen und es ist schwer so etwas wie Komposition auszumachen. Es sind viel mehr Fliessbewegungen von Pflanzen, an welchen sich Früchte, tierische Wesen, Sprüche aufhängen. An Perlenketten entlang stellt Kooi Fragen, Behauptungen und Situationen auf, die auf feminine Formen von Zuwendung und Selbsterhalt weisen. Hier wird das Fehlen der Komposition zur Stärke; es herrscht keine Hierarchie der Fragen, sondern eine ständige Bewegung, je nach Bedarf, statt einer Systematik von Wissen, folgt der Blick dem mystischen Miteinander innerer und äusserer Umwelt.

Obwohl Kinke Kooi immer wieder das Zeichnen in figurativer Manier thematisiert, verweilt sie nicht in einer eitlen l'art pour l'art sondern deutet Kunst als Medium der Relation: Fragmentarische Sätze setzen das Bild als Subjekt und Vermittlerin in Beziehung zur Betrachter*in. Es sind Kunstwerke, die ihre Legitimation ausserhalb des eigenen Rahmens, sowie Stärke in Gesellschaft finden. Im Kontext des andauernden Zombie-Formalismus und der mutlosen Figuration des spekulativen Realismus sind Kinke Koois Malereien wohltuend selbstbewusste Kunstwerke, die eine intime Beziehung zur Betrachter*in suchen. Steine, Amulette oder Trachtenschmuck – Erinnerungsstücke der Künstlerin und des Galeristen Christian Wirtz – erobern neben den Malereien die Galerieräume. Sie widersetzen sich dem typischen Ausstellungsgestus des White Cubes und der vermeintlich stabilen Einheit des Kunstwerkes. Die Souvenirs verankern die Erfahrung mit der eigenen Erinnerung, die Malerei eröffnet eine Vorstellungswelt neuer Möglichkeiten.

Inmitten der gegenwärtigen Unsicherheiten hat Kinke Koois Malerei eine beruhigende, therapeutische Wirkung wie Morgentau und Waldluft. Es ist eine reichhaltige, sehenswerte Präsentation einer Künstlerin, deren Praxis sich über mehrere Jahrzehnte entwickelt hat, und es bleibt nur zu hoffen, dass wir in Zürich weiterhin so starke und unaufgeregte Kunst zu sehen kriegen.

Kinke Kooi: Growing the Seeds of Love, Galerie Bernhard, 1. März – 16. April 2021

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14.04.2021