Reading Rämistrasse #46: Ann Mbuti zu Lebenslinie im Johann Jacobs Museum

Das wohl auffälligste Exponat der Ausstellung ist der grosse Wollteppich, der den fein geschliffenen Terrazzo-Boden des Eingangsbereichs beherrscht. Sein handgewebtes Muster zeigt verschiedene Felder mit bunten Linien und Farbflächen, abstrakte Diagrammlandschaften, wie man sie von Aktienkursverläufen an der Börse kennt. Beschriftungen trägt keine von ihnen, welche Schwankungen sich vor unseren Füssen ausbreiten, bleibt schleierhaft.

Nahaufnahme der Stickerei Maja Bajevics Arbeit

Die Künstlerin hinter dem Werk, Maja Bajevic, spielt ein bittersüsses Spiel und kehrt die eigentliche Idee von Diagrammen um: Sie stellt Lesbarkeit her, nur um sie der wirklichen Rezeption zu entziehen. Zurück bleiben Rudimente von Informationen: Bunte, abstrakte Linien, die zum ästhetischen Muster des Teppichs zusammengewoben sind.

Assoziative rote Fäden

Linien sind der Fokus der Ausstellung, die Anfang April im Johann Jacobs Museum eröffnete. Unter dem Titel Lebenslinien/Life Lines spannen die Kurator*innen Francesca Ceccherini und Roger Buergel ein grosses Feld auf: Sechs künstlerische Positionen zeigen die Vielfalt des Themas. Formal beispielsweise, wie die feinen Schnitte im Papier von Ishita Chakrabortys Arbeit Zwischen I between I মধ#বতী, 2020-21, deren Linien eine Zeichnung ergeben, die unauslöschlich mit einem Skalpell statt eines Stifts in den Untergrund eingeritzt ist. Oder ganz unmittelbar wie A Brief Aerial Study I, 2020, von Alex Crettenand, das in Google-Earth-Luftaufnahmen verschiedene Arten von Linien zeigt – natürliche, die durch Flüsse, Gebirge und unterschiedlichen Bodenbeschaffenheiten entstanden und solche, die Zeugen der Zivilisation mit ihrer landwirtschaftlichen Nutzbarmachung sind.

Die verschiedenen Positionen stehen dabei assoziativ miteinander in Verbindung. Die Google-Earth-Landschaften schliessen an das Muster auf dem Teppich an, dessen bunte Linien ein schematisches Bergmassiv bilden. Eine andere Arbeit erzählt die haarsträubende Geschichte eines weiteren Teppichs, der die Ambivalenz internationaler Politik in jeder seiner Fasern trägt. Joana Hadjithomas und Khalil Joreiges A Carpet (a documentation), 2021, erzählt von einem handgeknüpften Exemplar, an dem 400 Waisenkinder über anderthalb Jahre arbeiteten, um es dem US-amerikanischen Präsidenten als Dank für die humanitäre Unterstützung im Zusammenhang des Völkermords an den Armenier*innen 1915 zukommen zu lassen. Die Künzlers, ein Schweizer Missionar*innenpaar, betrieb die Teppichmanufaktur in Ghazir (Libanon), nachdem sie Jahre zuvor mit 8’000 Waisen aus der Türkei geflohen waren. 1925 wurde das Geschenk in einem festlichen Akt überreicht und schmückte lange einen besonders grossen Raum im Weissen Haus. Inzwischen ist der Teppich eingelagert und allen Blicken entzogen. 

Die Exponate sind von Zeugenschaft und Unlesbarkeit bestimmt. Ihr Wechsel- und Zusammenspiel ist klar orchestriert und obwohl die ganze Ausstellung in den drei kleinen Räumen im Untergeschoss der Villa des Museums Platz findet, ist sie überraschend komplex.

Selbst gezogene Linien

Doch Lebenslinien geht konzeptionell noch weiter. In den so vielschichtigen Kontext fliessen ausserdem die Geschichten einzelner Jugendlicher mit ein, die sich im Rahmen der Ausstellung künstlerisch mit der Frage nach ihrer Herkunft zu beschäftigen begannen. Es ist ein Schulprojekt, das während der ersten Lockdownerfahrung geboren wurde und unter der Leitung des Künstlers Walter Riedweg steht, der als Teil des Duos Dias & Riedweg bereits im Johann Jacobs Museum ausstellte und diese Verbindungslinie für Synergien nutzte: Er ist Lehrer der Integrationsklasse aus dem Zürcher Umland und unterstützt die künstlerische Erarbeitung der Schüler*innen, deren Wege sie von Syrien, Afghanistan, Thailand und der Ukraine in die Schweiz geführt haben. Ihre biografisch geprägten Auseinandersetzungen erheben den Anspruch, selbst gezogene Linien zu sein. Die so gewonnene Autor*innenschaft entzieht sich damit geschickt dem passiven Narrativ von Flucht und Migration, dem Betroffene oft unterworfen sind.

Ein junger Mann zeigt ein fotokopiertes Bild seiner zwei Händen

In der Ausstellung selbst nehmen sie jedoch nur wenig Raum ein. Da die Positionen der jungen Menschen didaktisch wertvoll auch gleich noch den digitallastigen, neuen Schulalltag mitverhandeln, finden die Videos vor allem im Online Gallery Bereich der Museumswebsite Platz. Sie nähern sich teils dokumentarisch, teils künstlerisch dem Hauptthema des Projekts an.

«Was sind die globalen Handelslinien anderes als die Lebenslinien der Menschheit?»

Ein dichtes Netzwerk aus künstlerischen Werken, Arbeiten von jungen Menschen, analog und digital – Lebenslinien will viel. Die Ausstellung zeigt anschaulich, wie verwoben die simple Figur der Linie sein kann, sobald sie in einen grösseren Kontext gesetzt wird. Sie adaptiert dabei konzeptionell den verwobenen, vielschichtigen Charakter des Themas, das sie behandelt.

Lebenslinien ist die letzte Ausstellung unter der Direktion von Roger M. Buergel, der die «weltumspannenden Verflechtungen unserer Lebenswelt» ins Johann Jacob Museum brachte und die Geschichte und Gegenwart der globalen Handelswege ins Zentrum stellte. Entsprechend dieser ambitionierten Themensetzung werden eben diese Wege zu den Lebenslinien der Menschheit. Ein gewaltiger Sprung, das dem einstigen Kaffeemuseum in den letzten acht Jahren gelungen ist. Man kann darin eine Art von Vergangenheitsbewältigung sehen, welche die Jacobs Stiftung als Trägerin des Museums betreibt. Sie ging aus dem Kaffee-Imperium des deutschen Unternehmers Johann Jacob hervor und ist prädestiniert für einen genauen Blick auf globale Handelswege – damals wie heute. Doch Vergangenheit hin oder her, in erster Linie ist so ein Museum entstanden, das den Anschluss an den gesellschaftlichen Puls nicht verloren hat und dabei höchst brisante Fragen stellt, wie beispielsweise: Wie gehen Museen mit der Tatsache um, dass unsere globale Gegenwart aus komplexen, jahrhundertealten Verflechtungen besteht?

Lebenslinien ist ein wunderbarer Antwortversuch eines Ausstellungsformats, das Geschichten komplex weitererzählt und dank ihrer assoziativen Zusammenhänge eine Leichtigkeit behält. Linearität entsteht und bleibt doch nur ein Spiel der Möglichkeiten – genau wie die Diagramme am Eingang schon unter Beweis gestellt haben.

Life Lines / Lebenslinien, Johann Jacobs Museum, 3 April – 27 Juni 2021

Bilder: Ai Weiwei, Rebar 41,  2008-2012, Courtesy Ai Weiwei Studios; Maja Bajevic, Arts, Crafts and Facts,  2015, Courtesy Johann Jacobs Museum; Dias & Riedweg, "weg-zurück-da", 2020, Courtesy Johann Jacobs Museum.

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20.05.2021