Reading Rämistrasse #51: Jörg Scheller zu Dekkan im Museum Rietberg

Das hätte man sich nicht träumen lassen – dass das Museum Rietberg, spezialisiert auf aussereuropäische Kunst, eine Ausstellung über Instagram ausrichten würde! In drei Sälen zeigen die Kuratoren Caroline Widmer und Axel Langer, wie sich Menschen in den notorischen rechteckigen Rahmen inszenieren, wie sie Bilder mit knappen Kommentaren versehen, wie sie, um das Gezeigte schillernder erscheinen zu lassen, raffiniert an den Farbeinstellungen drehen, wie sie nonchalant auf andere Gramer Bezug nehmen, ganz selbstverständlich Gesten und Posen kopieren. Bild um Bild um Bild von flamboyanten, multikulturellen Influencer reiht sich in Vitrinen, als handle es sich um historische Preziosen.

Miniaturmalerei einer höfischen Szene

Aber Moment mal – das sind ja gar keine Tablets, das ist ja papierne Miniaturmalerei! Und sind diese sexy Girls in bauchfreien Tops und diese stoischen Boys mit campy Schnurrbärten tatsächlich Zeitgenossen? Also besser mal mit der Lupe, die man beim Empfang in die Hand gedrückt bekommt, draufgeschaut. Und siehe da: Von wegen Instagram – was hier ausgestellt wird, ist die analoge Beta-Version aus dem 17. und 18. Jahrhundert! Nicht aus dem Silicon Valley, sondern aus dem südindischen Dekkan, einem Schmelztiegel der Kulturen, Sprachen, Religionen, Dynastien. Nicht aus der kapitalistischen Massendemokratie, sondern aus dem höfischen Umfeld von Fürsten, Kaisern, Schahs, Botschaftern, Beamten, Kriegern. Nicht auf Nullen und Einsen basierend, sondern auf feinen Pinselstrichen. Die meist hochformatigen Blätter repräsentieren, was auch heute noch angesagt ist: im Hortus Conclusus chillen, speisen, musizieren, reisen, ansonsten bisschen jagen, bisschen Krieg führen und erotische Outdoor-Tändeleien unter pummeligen Baumkronen.

Beeindruckend ist, wie im Dekkan eine transmediale Synästhesie aufscheint, die später als typisch für das Popzeitalter bestimmt werden sollte. Serien von sogenannten Ragamalas symbolisieren Ragas, indische Melodietypen, mit denen Stimmungen, Jahreszeiten oder Götter assoziiert werden. Diese Ragas werden in literarischen Texten beschrieben, auf welche die Miniaturmaler wiederum Bezug nehmen. So entsteht eine potenziell endlose Mediamorphose – kein Medium, kein Thema existiert isoliert, alles kommuniziert, alles interagiert.

Miniaturmalerei einer Jagt

Wie im Pluriversum gegenwärtiger Insta-Influencer werden in dieser Ausstellung bei eingehender Betrachtung Mikrounterschiede zu Makrounterschieden. Die Bildserien schärfen den Blick für subtile Differenzen. Solche kleinen, konzentrierten Ausstellungen sind im Generalgesumse biennalisierter Kunst-Swingerclubs wichtiger denn je – besser intensiv mit etwas beschäftigen als zerstreut mit allem. Dabei legt Dekkan nahe, dass die Massendemokratien der Gegenwart letztlich Massenaristokratien sind. Auf Instagram & Co. kultiviert und kuratiert die «Gesellschaft der Singularitäten» (Andreas Reckwitz) ihre Selbstbilder auf ähnliche Weise wie einst Mogulbeamte die ihren in der Miniaturmalerei, dabei oft den eigenen Status überhöhend – fake it ‘til you make it! Ironie der Geschichte: Gerade in ihrem Streben nach Besonderheit ähneln sich die Distinktionssuchenden heute wie gestern, verwandeln sie sich in der Wahl jeweils angesagter Medien und Darstellungsweisen einander an. Die besondere soziale Stellung wird konterkariert durch das Allgemeine der Form.

Miniaturmalerei einer Menschenjagd mit Elefant

Mit Blick auf die Rezeption sind aus den einstigen elitären Miniaturpublika der Miniaturmalerei die demokratischen Massenpublika der sozialen Massenmedien geworden. Was im therapeutischen Kapitalismus als «Narzissmus» oder «Exhibitionismus» pathologisiert wird, ist vermutlich nichts anderes als die Fortsetzung eines aristokratischen Distinktions- und Repräsentationsbedürfnisses mit massendemokratischen Mitteln.

Deccan, Museum Rietberg, 17 März–15 August 2021

Bilder: Raga Vihagra, Aus einer Ragamala-Serie, Aurangabad, nach 1680, Geschenk Eberhard und Barbara Fischer, Museum Rietberg; Raga Hindola, From a Ragamala Series, Aurangabad, after 1680, Gift Eberhard and Barbara Fischer, Museum Rietberg; Raga Gonda, From a Ragamala Series, Aurangabad, after 1680, Gift Eberhard and Barbara Fischer, Museum Rietberg; The attack of an elephant, 1650‒1700, Bequest Alice Boner, Museum Rietberg

Reading Rämistrasse: 

Geht der Raum für Kunstkritik verloren, müssen wir handeln. Deswegen schaffen wir diesen Ort für Kritik – Reading Rämistrasse – auf der Webseite der Kunsthalle Zürich und veröffentlichen Rezensionen zu aktuellen Ausstellungen. Diese geben nicht die Meinung der Kunsthalle Zürich wieder, denn Kritik muss unabhängig sein. Feedback oder Fragen? Schicken Sie eine Mail an rosenmeyer@kunsthallezurich.ch

If art criticism is losing ground, we must act. That’s why we created space for criticism – Reading Rämistrasse – on the Kunsthalle Zürich website and publish reviews of current exhibitions. What is published here does not represent the opinion of the Kunsthalle Zürich. Because criticism has to be independent. Feedback or questions? Email rosenmeyer@kunsthallezurich.ch

 

08.06.2021