Reading Rämistrasse #54: Cornelius Krell zu Kunst der Vorzeit: Felsbilder der Frobenius-Expeditionen im Museum Rietberg

Die Bilder sind roh, ausdrucksstark und haben teilweise riesige Formate. Fast scheint es, als wären sie explizit für moderne Museen geschaffen worden. Die Rede ist von den Fels- und Höhlenbildern der Ausstellung Kunst der Vorzeit: Felsbilder der Frobenius-Exbeditionen, die von einem Team unter der Leitung des deutschen Ethnologen Leo Frobenius (1873–1938) zwischen 1904 und 1939 auf mehreren Forschungsreisen auf allen Erdteilen hergestellt worden sind. Viele dieser sogenannten „Originalkopien“ zeigen bis zu vierzigtausend Jahre alte Bilder, die teilweise nicht mehr existieren, etwa weil sie Umwelteinflüssen zum Opfer fielen.

Um die Ausstellung zu sehen, steigt man ins zweite Untergeschoss des Museums hinab, wo eine Auswahl von rund hundertzwanzig Exponaten wirkungsvoll in Szene gesetzt worden ist. Den Auftakt des Rundgangs bildet ein halbdunkler Raum, in dem die Themen der materialreichen Ausstellung programmatisch vorgestellt werden. In Fotografien und Filmaufnahmen, sowie mit Wandtexten und Vitrinen werden einerseits die Entstehung der Bilder und andererseits ihre wechselhafte Wirkungsgeschichte vor Augen geführt, zusätzlich ihre Bedeutung für die heutige Forschung und die vor Ort lebenden Gemeinschaften beleuchtet. Diese drei Themen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Schau.

Installationsansicht

Ungefähr ein Dutzend Zeichner*innen – meist junge Frauen aus dem Bildungsbürgertum – deren Biografien auf Tafeln präsentiert werden, fertigten auf den Expeditionen die Zeichnungen der Fels- und Höhlenbilder an. Wie sie dabei vorgingen, zeigen die interessanten Gegenüberstellungen von kleinformatigen Vorzeichnungen oder Pausen mit dokumentarischen Fotografien der Höhlenbilder sowie den häufig auf Leinwand entstandenen, ungerahmten und massstabsgetreuen Gemälden. Was für eine ungeheure Aufgabe die minutiöse Übertragung der eng mit der Morphologie des Gesteins verbundenen Felszeichnungen auf die zweidimensionalen, transportierbaren Leinwände bedeutet haben muss, wird einem auch durch zahlreiche Fotos vergegenwärtigt, welche die Zeichner*innen bei der Arbeit zeigen.

Die Bilder weisen eine grosse Fülle von Motiven und Themen auf. So sind auf den in Italien entstandenen Fels- oder Höhlenzeichnungen vor allem Jagdszenen zu sehen. Die australischen Fels- und Höhlenzeichnungen, deren Tradition von den Aborigines bis heute gepflegt wird, zeigen Krokodile, Schlangen oder Gwion- oder Wandjina-Gestalten, übernatürliche Wesen, welche die geografische und klimatische Situation des Landes widerspiegeln und als reale Persönlichkeiten aufgefasst werden. Im indonesischen Westpapua wiederum, wo die ältesten und bis heute am Besten erhaltenen Felsbilder entstanden sind, wird die Bildsprache vor allem von Fischen, Masken, Handsilhouetten sowie Sonnendarstellungen geprägt, während in Nordafrika und der Sahara Menschen mit Tierköpfen, Bogenschützen, Antilopen, Giraffen und Nashörnern vorherrschen. Zu den beeindruckendsten Bildern des Rundgangs zählen sicherlich die wandfüllende Darstellung eines Elefanten, der sein Junges vor einem angreifenden Leoparden schützt und eine, in kleinformatigen Aquarellen festgehaltene, Szene mit menschlichen Figuren, die, angedeutet durch Strichlinien, Luftsprünge zu vollführen scheinen. Darstellungen wie diese erscheinen aufgrund ihrer reduzierten Formensprache äusserst modern.

Ein Schwerpunkt der Ausstellung bildet die komplexe kultur- und kunsthistorische Rezeptionsgeschichte der Frobenius-Felsbilder. Diese wird im ersten Raum anhand der Rezeption durch afrikanische Intellektuelle beleuchtet. Sahen die Gründer der Négritude-Bewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Frobenius noch einen Verbündeten, der ihr kulturelles Erbe im Westen bekannt machen wollte, kritisierten spätere Schriftsteller und Wissenschaftler Frobenius als einen „notorischen Plünderer“, der sich unrechtmässig fremdes Kulturgut angeeignet hat. Auch in den Geisteswissenschaften waren die Felsbilder wechselnden Konjunkturen ausgesetzt: Galten sie bis Ende des Zweiten Weltkriegs in der Vorzeit-Forschung noch als State of the Art, geriet die Sammlung danach zunehmend in Vergessenheit, da die Zeichnungen aufgrund der persönlichen Handschrift der Zeichner*innen als zu wenig wissenschaftlich beurteilt wurden. Für Frobenius aber bestand der epistemologische Wert der Zeichnung gerade in der Übersetzung auf eine zweidimensionale Fläche. Ging es doch darum, die Raumwirkung und die Oberflächen der Fels- und Höhlenwände möglichst plastisch und genau wiederzugeben. Aus demselben Grund griff der Regisseur Werner Herzog in seinem Dokumentarfilm Cave of Forgotten Dreams (2010) über die französische Chauvet-Höhle auf die 3D-Technik zurück. Erst seit den diversen kulturwissenschaftlichen Turns seit den 1960er-Jahren wurden die Bilder für die Forschung wieder interessant. Doch auch wenn die heutige Archäologie mittlerweile genauere technische Methoden entwickelt hat, bleibt das Felsbilder-Archiv ein einzigartiges wissenschaftshistorisches Zeugnis.

Am wirkungsvollsten dürfte die Rezeption der Felsbilder im Bereich der klassischen Moderne gewesen sein. Anhand von Leihgaben von Paul Klee und einer Liste von Ausstellungen zeigt die Schau, dass die Wirkung der Felsbilder auf die Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Zwischen 1912 und 1939 wurden die Felsbilder der Sammlung Frobenius an unzähligen Orten in Europa, Südafrika, Australien und den USA ausgestellt. Viele Künstler wie Paul Klee, Pablo Picasso oder Jackson Pollock besuchten nachweislich diese Präsentationen und liessen sich von der Perspektive, Dynamik und dem Umgang mit Raum und Fläche in diesen Bildern zu neuen Formensprachen anregen. Dies wird zwar anhand von mehreren kleinformatigen Zeichnungen und Tagebucheinträgen von Paul Klee sowie einem kurzen Fernsehbeitrag über die Wirkung der Felsbilder auf die Abstrakten Expressionisten plastisch vor Augen geführt, dennoch wäre es interessant gewesen, die Rezeption der Felsbilder in der modernen Kunst noch breiter anhand von Werken anderer Künstler*innen aufgezeigt zu bekommen. 

Eine gelungene Ausstellung also? Aufgrund der Fülle der thematisierten Fragen kann die Schau viele Aspekte nur kursorisch anschneiden. So wäre es beispielsweise interessant gewesen, noch mehr über die Rezeption der Sammlung Frobenius im Zusammenhang mit der (Post-)Kolonialismus-Debatte zu erfahren oder über den Übersetzungsvorgang der Felsbilder auf die transportablen Bildträger. Auch stellt sich die Frage, wie die Auswahl der zu kopierenden Felsbilder zustande gekommen ist und inwieweit die Kopien als treue Wiedergaben der Originalbilder gelten können. Ebenfalls nur kurz berührt wird die Tatsache, dass es sich bei der Ausstellung eigentlich um ein Reenactment handelt, da die Sammlung bereits 1931 in Zürich, im damaligen Kunstgewerbemuseum, gezeigt worden ist. Vertiefung bietet aber der umfangreiche Katalog, der einige der genannten Aspekte ausführlicher kontextualisiert. Dennoch folgt die Schau relativ unkritisch einem immer noch weit verbreiteten Narrativ, das den Beginn der modernen Kunst in der Vorzeit verankert. Diese Konstruktion wird nirgendwo in der Ausstellung hinterfragt – ein Manko, über das man aufgrund der fantastischen Bilder jedoch auch hinwegsehen kann.

Kunst der Vorzeit: Felsbilder der Frobenius-Expeditionen, Museum Rietberg, Gablerstr. 15, 8002 Zürich, 12. März bis 11. Juli 2021

Bilder: Mark Niedermann & Frobenius-Institut

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08.07.2021