Slavs and Tatars

30.08.2014-09.11.2014
Slavs and Tatars
Mirrors For Princes
Week

Nach der Präsentation des Hörstücks «Lektor», das in einer spezifischen Lese- und Hör-Installation im Bibliotheksraum der Kunsthalle Zürich zwischen Februar und August 2014 gezeigt wurde, führt die Künstlergruppe Slavs and Tatars nun mit mehreren installativen Arbeiten die Auseinandersetzung mit Themen der Sprache und kulturellen Übersetzungs-problematiken in einer umfangreichen Einzelausstellung fort. Im Zentrum des künstleri-schen wie auch diskursiven Werks von Slavs and Tatars stehen transkulturelle sowie trans-disziplinäre Fragen von Geschichte, Politik, Religion und Sprache sowie die grenzüber-schreitenden Herausforderungen von Metaphysik, Ästhetik und Kommunikation.
Eine ihrer Recherchen widmen sie dabei dem mittelalterlichen Genre der „Fürstenspiegel“, eine Art der epischen Ratgeberliteratur für Herrscher, die diese sowohl im ethischen wie ästhetischen Handeln und Verhalten unterweist. Die Sprache, ihre Bedingungen der Über-setzung, ihre Aufführung und ihr Klang sind dabei Ausgangspunkt und fanden in der Prä-sentation von «Lektor» durch die Übersetzung eines türkischen Fürstenspiegels in mehrere andere Sprachen Ausdruck. Die eigens für die Ausstellung entwickelten Installationen, Skulpturen und Wandarbeiten vollziehen folgerichtig nun selbst eine Übersetzungsleistung von literarischen Tropen und alltäglichen Realitäten in die Werke selbst, beispielsweise in religiöse Ausstattungen oder Pretiosen für den kosmetischen Gebrauch.

 

 

Im Spiegelbild werden Fürsten gemacht. Herrscher zu sein bedeutet mehr als nur einen adeligen Titel zu erben; Herrscher muss man werden – und bleiben. Das komplexe Zusammenspiel von Bildung, Erscheinung und Überzeugung thematisieren Slavs and Tatars in ihrer Ausstellung «Mirrors for Princes», deren Titel der englischen Übersetzung von „Fürstenspiegel“ entspricht. Diesem Genre widmen sie einen langfristigen Zyklus ästhetischer und diskursiver Untersuchung der Politik und Performativität von Sprache. Das Anliegen ist zweierlei: Zum einen fungierte der Fürstenspiegel als poetische Form der politischen Kritik in muslimischen als auch christlichen Kulturkreisen während des Mittelalters und der Renaissance, zum anderen gelang es den Autoren durch ihre Schriften einen Raum für Staatskunst in einer Zeit zu schaffen, in der sich ein Grossteil der Wissenschaften mit rein religiösen Angelegenheiten befasste.

 

Der Kern dieser Kritik zielt auf Grosszügigkeit. Weltliche Kritik – auch die kritische Haltung der meisten Kunstäusserungen – basiert zumeist auf Distanzierung und auf einem Zwiespalt mit dem Objekt. Im Gegensatz dazu bietet die Poetik des Ratschlags eine Möglichkeit, die Kritik auf der intimen Verwicklung des fraglichen Gegenstands mit dem Befragenden beruhen zu lassen. Die Ausstellung «Mirrors for Princes» beginnt folgerichtig mit einer Geste der Gastfreundschaft. Eine dem Eingangsbereich von Moscheen nachempfundene Garderobe lädt die Besucherinnen und Besucher ein, ihre Hüte und Mäntel abzulegen und so den Ausstellungsraum zu bewohnen. Scheinbar zurückgebliebene Turbane an den Haken rufen den Eindruck der Anwesenheit weiterer Gäste hervor, samt ihrer kunstvollen Gewohnheiten der Be- und Entkleidung, und vermitteln ein Gefühl von Intimität.

 

Das Genre der Literatur und auch das Buch als Objekt haben im gesamten Werk von Slavs and Tatars sowie in der Ausstellung in der Kunsthalle Zürich einen zentralen Stellenwert. Das Hörstück «Lektor» findet sich nun im zweiten Ausstellungsraum, erweitert auf eine neue viersprachige Ton-Installation. In der Arbeit werden Auszüge aus dem einflussreichen Fürstenspiegel Kutadgu Bilig (Weisheit der königlichen Glorie) aus dem 11. Jahrhundert in uigurisch, türkisch, deutsch und polnisch rezitiert. Zu hören sind diese Verse über Lautsprecher, die in Objekte eingelassen sind, die die Form von Bücherständern für heilige Schriften (rahlés) haben. Die Betrachterinnen und Betrachter können diesen Versen sitzend auf einer raumeinnehmenden Teppichfläche zuhören.
 

Slavs and Tatars sehen im ungebrochenen Verlangen unserer Gesellschaft nach Selbsthilfe-Literatur wie etwa Wie angelt man sich einen Millionär oder Wie verliere ich 15 kg in 15 Tagen das fortdauernde Echo der Fürstenspiegel in Europa, den USA und im mittleren Osten heute. Der ursprünglichen und der heutigen Form von Ratgeberliteratur gemeinsam ist die grundlegende Direktive zum Regime über sich selbst, und gegebenenfalls dann auch die Anleitung andere zu regieren – sei es das unmittelbare Umfeld, ein Volk, eine Nation oder gar ein Imperium; einbezogen ist die gesellschaftliche Gesamtheit, von der Ökonomie bis zur Etikette, vom Haushalt bis zum Heer.

 

Im dritten „Kapitel“ der Ausstellung, das sich in den letzten beiden Räumen ausbreitet, greifen Slavs and Tatars individuelle und gesellschaftliche Alltagspraktiken und das Thema des Rituals auf. Haar spielt hier eine Hauptrolle. Seine tagtägliche Zähmung ist eine Zivilisationsleistung, die die Wildheit des Körpers unter Kontrolle bringt. In diesem Sinne haben die Riten des Alltags, wie etwa das Kämmen, einen ähnlichen Zweck wie die Fürstenspiegel: Sie beide beziehen sich auf eine spezielle Projektion eines erwünschten – mentalen, physischen oder staatlichen – Zustands als Akt der Vorstellung, gar der Fantasie, mit dem Slavs and Tatars die Bedeutung von Lenkung und Regieren herausstreichen. War das Sich-Zurechtmachen und die Stilisierung seiner eigenen Erscheinung einst eine heilige und rituelle Tätigkeit, ist es heute vor allem eine kosmetische Praxis, eine geschlechtspezifische Tätigkeit oder wird zur Visualisierung einer Gruppenzugehörigkeit gebraucht. Das Haar selbst bleibt in diesen Arbeiten unsichtbar. Um einen schmiedeeisernen Thron (kursi) liegen Baumstämme, zwischen deren Äste übergrosse gläserne Kämme gesteckt sind, eine metaphorische Übertragung, die auch die Wirkungsweise von Fetischen evoziert. Glitzernde High-Tech-Stoffbahnen umwehen den Thron und werfen die Frage nach dem Verhältnis von Macht und Geschlecht auf. Wenn Fürsten im Spiegelbild gemacht werden, dann könnte dies auch für Fürstinnen gelten – und doch gibt es keine Fürstinnenspiegel. Slavs and Tatars’ ästhetisches und metaphysisches Interesse am untrennbaren Verhältnis von Hingabe und Kontrolle aber widersetzt sich schnellen Zuschreibungen von Geschlechterstereotypen: das stoffummantelte Objekt kokettiert mit dem Bild von Marilyn Monroes wehendem Rock und bleibt doch unverrückbares Zentrum des ebenso symbolischen wie physischen Kreises der ihn umgebenden Kammskulpturen.
Sakralen Pretiosen gleich wird ausserdem eine Serie von kleinen Objekten auf Podesten und in einer Vitrine präsentiert – die meisten von ihnen dienen dem Entwirren, Zusammenbinden, Schneiden und Trimmen von Haaren, Augenbrauen, Leinen oder Baumwolle. Sie sind Kostbarkeiten, die alltägliche Objekte von verzweigten Ideen und Ideologien kultivierter Selbst-Disziplinierung handeln lassen. Slavs and Tatars operieren auch hier, wie in ihrem Gesamtwerk, bewusst mit einem Kosmos der Mehrdeutigkeit, um, in ihren Worten ins Zentrum zu gelangen von: “the heart and art of politics”.