Slavs and Tatars: Glaube, Etikette und Ethik in Politik und Öffentlichkeit, damals und heute

10.04.2014, 18:30
Slavs and Tatars: Glaube, Etikette und Ethik in Politik und Öffentlichkeit, damals und heute
Reality Check – Gespräche und Begegnungen
Freier Eintritt
Deutsch
Week

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Wie verhalten sich Politik und öffentliches Leben in unterschiedlichen Zeiten und Räumen zueinander? Welche Weisen des Ratschlags, des Kommentars, der Reflexion erforderten sie – und lassen sie zu? Was lehrt uns ein lyrisches Genre dazu? Im Rahmen des Projekts «Lektor» der Künstlergruppe Slavs and Tatars wollen wir an diesem Abend Einblicke in die „Fürstenspiegel“ gewinnen, ein Genre mittelalterlicher politischer Literatur, und seine Relevanz für gegenwärtige Herausforderungen von politischem Kommentar sowie die generelle Rolle des Glaubens beim Schreiben, Lesen, Sprechen und Zuhören, kurz: im öffentlichen Leben diskutieren.

Im Vorgriff auf ihre Herbstausstellung entwickelten Slavs and Tatars für die zukünftigen Bibliotheksräume der Kunsthalle Zürich eine neue Version des Hörstücks «Lektor». Es besteht aus in uigurischer Sprache vorgetragenen Auszügen aus dem mittelalterlichen epischen Gedicht Kutadgu Bilig (Die Weisheit der königlichen Glorie) und dem Voice-over der deutschen Übersetzung dieser Textstellen. Die Macht, die beim Sprechen und Zuhören, Übersetzen und Überführen, Zitieren und Zusammenführen auf dem Spiel steht, zeigt sich in diesem Gedicht, das ein wichtiges Beispiel des im 11. Jahrhundert entstandenen Genres der „Fürstenspiegel“ darstellt. „Fürstenspiegel“ waren Anleitungen für zukünftige Herrscher und eine im Mittelalter und während der Renaissance in christlichen und muslimischen Ländern gleichermassen verbreitete Gattung, deren bekanntestes Beispiel Machiavellis Der Fürst ist.

Audio-Dokumentation

Zu einer Zeit, in der sich die Gelehrsamkeit überwiegend religiösen Angelegenheiten widmete (z.B. Jurisprudenz, Theologie), schufen diese Texte einen Raum für Staatskunst. Heute leiden wir unter dem Gegenteil – einem säkularen Übereifer alles wissen zu wollen. Im gemeinsamen Gespräch mit einem Historiker, einem Kriegsberichterstatter und einem politischen Kommentator und Journalisten, wollen wir erörtern, wie sich der heutige Diskurs über die Rolle des Geisteslebens im Verhältnis zum Staat gestaltet und der Frage nachgehen, wie uns die Beschäftigung mit seinen literarischen und historischen Formen neue-alte Perspektiven auf das Verhältnis von Sprache und Übersetzung, Geografie und Regierung, Vergangenheit und Gegenwart bieten kann.

Gäste: Prof. Dr. Thomas Scharff, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Technischen Universität Braunschweig

Dr. Kurt Pelda, Freischaffender Kriegsreporter aber kein Adrenalin-Junkie

Thomas Haemmerli, Journalist, Filmemacher, Autor, Abstimmer