Terence Koh

26.08.2006-29.10.2006
Terence Koh
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In den Arbeiten des 1977 in Peking geborenen und in Kanada aufgewachsenen Künstlers Terence Koh kann man gleichzeitig so unterschiedliche Materialien wie diese finden: Kristallleuchter, Lollipops, Gemüse, Haare jeglicher Konvenienz, perfekt intaktes und absichtsvoll zerstörtes Glas, Gold, wertvollstes Porzellan, Plastik in allen Gebrauchs- und Kitschversionen, ein Bootstau, das nach Mitternacht gefunden wurde, Urin, Blut, Spielzeug und vieles mehr.

Terence Koh, der inzwischen vorwiegend in New York, gelegentlich auch in Berlin lebt und arbeitet, schafft mit seinen Installationen, Objekten und Wandarbeiten, aber auch in seinen Performances, suggestive Räume, in denen sich Erinnerung und Phantasie mit Kunstgeschichte und subkulturellen Extremkulturen (vornehmlich der sexuellen, polymorph pervertierten Ausrichtung) mischen, in denen sich die Trivialkultur der Gegenwart mit Fetischkulturen und einer historisch wie geographisch allen Kultkulturen entnommenen Verwendung von Ritualen und Praktiken in einem zugleich respektlosen wie remythologisierenden Kosmos verbinden.

Mit seinen Arbeiten generiert Koh zugleich Momente der Verführung und der Irritation – eine Art dunkler Romantizismus schwebt über allen seinen Werken. Seine „Verunreinigungen“ kultureller Praxis treten an mit den Reinheitsprinzipien moderner Ästhetik: ganz in Weiss gehalten, ganz in Schwarz oder Gold, mit einem künstlerischen Oberflächenvokabular, das dem Minimalismus und der klassischen Abstraktion entnommen ist, – um dann in den Details und im Erleben seiner Werke Gegensätze wirksam werden zu lassen.

Für die Kunsthalle Zürich hat der Künstler eine Sequenz raumfüllender Installationen neu erarbeitet, die zwischen Leere und Fülle, Klassik und Kitsch, Freude und Schmerz, zelebrierendem Verwahren und Zerstörung, Minimalismus und Opulenz aufgespannt sind. Das Thema der Dualität und der Begegnung von Identitäten und Gegensatzpaaren zieht sich durch alle Räume der Ausstellung, die das Publikum ganz in die Transparenz, die Gefahr der Orientierungslosigkeit und auch die Faszination von Weiss eintaucht.

Ein verdoppeltes Selbstporträt als hängende Kopffigur empfängt in die Räume und führt zu zwei gigantischen Skulpturmonstern, die mit Grossartigkeit und Schrecken zugleich operierend Anleihen bei den Sagengestalten der Schweizer Bergewelt nehmen (versüsst durch einen Überzug aus Schweizer Schokolade).

Als nächstes durchquert man die ephemere Stimmung des leeren grossen Ausstellungsraums, dessen Boden vollständig mit weissem Puder bedeckt ist. Er ist der vorübergehende Lebensraum für zwei ebenfalls weisse Vögel, die symbolisch zwischen Erlösungsmythos, Friedenskitsch und subjektivem Haustierfetischismus hängen – und die selbstverständlich die Reinheit des weissen Raumes mit den Spuren ihres Gebrauchs, mit Federn, Kot und Abfällen, kontaminieren werden. Aus dieser Leere tritt man ein in die barocke Inszenierung von tausendzweihundert Vitrinen aller Formate. Sie sind mit unendlich viel Tand und Preziosen gefüllt und stellen ein physisch kaum zu fassendes Boudoir Koh'scher Obsessionen dar. Auch hier spielt der Künstler mit der Dualität, indem er gefundene Objekte von Flohmärkten, aus teuren Porzellanläden, Kunstobjekte, Kitschgegenstände, Gothik-Kultsachen, Marketingzeugs aus der Film- und Musikindustrie, Ritualgegenstände und Touristentand zusammenführt und diese Objekte allesamt in seiner eigenen Version wiederholt. Er wiederholt und evoziert damit gleichzeitig auch die ganze Geschichte der Wunderkammern, Kunstvitrinen, Devotionalien und Minimalkunst-Installationen – ein subjektiver Kosmos gefüllt mit gefundenem und nachempfundenem Tand und Glitter, der uns die ephemere menschliche Existenz als Süsslichkeit und Schock zugleich vorführt.

Aus diesem ambivalenten Boudoir führt er uns in eine elegante minimale Lampeninstallation, die wiederum ein grosses Repertoire an Assoziationen hervorruft: Zwei Kugellampen sind so installiert, dass sie sich „küssend“ berühren. Sie erinnern an Felix Gonzalez-Torres berühmte Doppeluhr, das tragisch schöne Paar, das sich gemeinsam aber doch einsam in der Zeit verbraucht; und sie erinnern ebenso an die die schöne Form korrumpierenden Lampeninstallationen Jorge Pardos wie sie platt pathetische Assoziationen an die „balls“, die männlichen Sexualorgane, hervorrufen.

Ein ganzes Meer an kulturellen Begründungen, Bedeutungen, Manifestationen, Obskuritäten und Mythen wird durch die subjektive Narration des Künstlers geschickt und neuen Bedeutungen ausgeliefert.

Terence Kohs Themen sind die grossen Themen der Menschheit: Leben und Tod, Jugendlichkeit und Verfall, Schönheit und Krankheit, kulturelle Identität und individuelle Persönlichkeit, Sexualität, Kultiviertheit und das Andere, durch die Konventionen unserer Kultur kontrollierte, ebenso wie die Vorstellungen, die die unterschiedlichen Kulturen vom Freudschen Eros und Tanatos durchziehen. In den letzten Jahren sind Themen der kulturellen wie individuellen Identität zunehmend aus dem Blickwinkel des kritischen Diskurses geraten, also auch Fragen danach, wer schaut wie und auf was, welche Identität begegnet dem kulturellen Konsens und was geschieht, wenn dies interkulturell relevant wird. Bruce Benderson schreibt in seinem Essay über Terence Koh, dass sein „Beharren darauf, innerhalb der Matrix [einer] ausschliesslich männlichen Form von Begehren und Sexualität zu bleiben“, ihm ermöglicht hat, „ein Existenzgefühl zu entwickeln, das alles durchdringt, was ich mache oder kreiere“. Terence Kohs kulturelle Aneignungen, Reformationen von kultureller Praxis und seine Überblendungen ästhetischer Konventionen sind durchdrungen von einem solchen Existenzgefühl. Sie ermöglichen einen „anderen“, nicht vornehmlich autobiographischen, sondern durch eine subjektiv gewählte Identität und Lebensform geprägten Blick auf Freiräume. Sie sind „queere“ Räume der Selbstbestimmung und des Diskurses mit den heterogenen Räumen, die die globalisierte Realität von Wirklichkeit heute haben kann.

 

Die Kunsthalle Zürich dankt: Präsidialdepartement der Stadt Zürich, Luma Stiftung