T.F.T. Müllenbach

22.11.2014-25.01.2015
T.F.T. Müllenbach
Week

Thomas Müllenbach (geboren 1949 in Koblenz, D, lebt und arbeitet in Zürich) stellt unsere tägliche Wahrnehmung von Vertrautem auf den Kopf und unterwandert das kollektive Verständnis von Sinn, Zweck und Wert des Sichtbaren. Es sind diese Verschiebungen im Alltag, auf die der Künstler sein Augenmerk legt. Immer wieder setzt er sich dabei auch mit der Kunstgeschichte auseinander und untersucht die Möglichkeiten der Malerei. Die Ausstellung in der Kunsthalle Zürich präsentiert die erste umfassende Übersichtsausstellung des malerischen und zeichnerischen Werks von Thomas Müllenbach und legt den Fokus auf eigens für die Ausstellung konzipierte und neuere Arbeiten, die durch eine Auswahl von Werken aus seinem früheren Schaffen ergänzt werden.

Das Normale und Bekannte weckt immer wieder das Interesse von Thomas Müllenbach. Es kann dies ein Krug, ein Blumenstrauss oder ein Flachbildschirm sein, die zahlreichen Ausstellungsflyer, die ihm zugeschickt werden, die Empfangshalle einer Bank oder ein Schlafzimmer. In seinen Werken gibt der Künstler jedoch nicht einfach diese Dinge und ihre Oberfläche wieder, sondern fängt die alltäglichen, kaum bemerkbaren Verschiebungen und die damit einhergehenden Momente der Irritation ein. Es sind diese Motive, die ihn nicht mehr loslassen. In der Wahl der Bildausschnitte wird das scheinbar Wichtige ausgelassen, nur um mit dem vermeintlich Unwichtigen darauf zu verweisen. Der Künstler präsentiert dem Betrachter mit seinen Bildern Fragmente, in denen er sich klassischen Darstellungskonventionen verweigert, den Bildrand Köpfe und Objekte beschneiden lässt und verschiedene Perspektiven in einem Werk mischt, so dass die Betrachter im Familiären Fremdes entdecken können und sich das Vertraute in etwas Unheimliches verwandelt.

 

Die Zeichnung nimmt in Müllenbachs Œuvre einen eigenständigen Stellenwert ein und bietet ihm ein schier unbegrenztes Experimentierfeld. Eine Werkgruppe grossformatiger Arbeiten kreist um Orte, an denen modernste Technik zum Einsatz kommt – und oftmals auch scheitert. Als Vorlage dienen Müllenbach Abbildungen aus der Tagespresse oder von Fachpublikationen, von denen er einen Ausschnitt wiedergibt. Kräftige Graphitlinien umreissen Kabel, Schläuche, Schaltpaneele und komplexe Konstruktionen, vereinen Chaos und Funktionalität und führen die Rezipienten in die Welt des Hightechs. Tschernobyl 1 (2004) zeigt in symbolträchtiger Weise einen der Werkräume des Atomkraftwerkes und verweist auf die Nuklearkatastrophe von 1986, die durch die Entgleisung des durch Graphit moderierten Kernreaktors in der Explosion des Reaktors mündete. Im Zeichnungsmaterial Graphit verquickt sich hier die gefährliche Eigenschaft des Materials. Die bedrohliche Aufladung des Raumes spielt auch in den Arbeiten 3 x door to NSA (2014) eine Rolle. Müllenbach gewährt aber nicht etwa Einblick in ein Arbeitszimmer der amerikanischen Sicherheitsbehörde, sondern zeigt die geschlossene Tür, wodurch sich die Wichtigkeit dieses Orts auf ein einfaches, triviales Objekt überträgt – die Tür. Tagtäglich begegnen uns auch in den Zeitungen Wirtschafts- und Währungskurven, die Müllenbach in der Arbeit DAX, 26.9.97 (1997) aufgreift. Den Verlauf des Deutschen Aktienindexes gibt der Künstler in einem grossformatigen Gemälde wieder und bettet die Kurve auf einen grüngelben Hintergrund, so dass ein Wechselspiel von Abstraktion und Gegenständlichkeit beginnt.

 

In der Werkserie der Halboriginale (2005–2013) übersetzt Müllenbach die zahlreichen Einladungskarten von Ausstellungen und Kunstevents, die ihm seit 2005 zugesandt wurden, als „Alltag“ der Kunstwelt in eigene Bilder. Die Aquarelle, die in einer raumeinnehmenden Gesamtinstallation präsentiert werden, entsprechen in Motiv und Grösse ihren Vorlagen: Von Dürer bis van Gogh, von nationalen zu internationalen Künstlern, von figurativen Sujets hin zu abstrakten Farbflächen, spielen die Arbeiten mit der Wiedererkennbarkeit. Müllenbachs „Halboriginale“ sind weder Plagiat noch Kopie, sondern eigenwillige Interpretationen technischer Reproduktionen von Kunstwerken zum neuen Werk.

 

Die kleinformatige Serie Xenakis (2012) kreist um den griechischen Komponisten und Architekten Iannis Xenakis (1922 – 2001). Müllenbach richtet sein Augenmerk aber nicht auf die Visualisierung von Xenakis’ musikalischem Werk, sondern auf dessen fotografische Porträts, bei denen die linke Gesichtshälfte des Komponisten stets in Schatten gehüllt oder von der Kamera abgewandt war – eine persönliche Entscheidung Xenakis, dessen Antlitz 1945 in einem Strassengefecht von einer Granate entstellt wurde. Müllenbach rekonstruiert diese verborgene Gesichtshälfte mit feinen Bleistiftzügen als sorgsame Annäherung für die Öffentlichkeit.

 

Auch wenn die Papierarbeiten und Malereien Müllenbachs stilistisch nicht miteinander verwandt sind, so sind sie es doch inhaltlich: Sie alle kreisen um die Normalität des Alltags und sprechen von der Qualität Zeit, die das lange Verweilen und die Langeweile im Alltäglichen leisten können. In der Aufstockung der Kunsthalle Zürich wird dem malerischen Werk Müllenbachs Raum gegeben. Trug der Künstler früher die Motive mit expressivem, manchmal pastosem Pinselstrich auf die vielfältigen Materialträger auf, haben die neueren Arbeiten ein reduziertes Farbspektrum und sind durch einen dünneren Farbauftrag gekennzeichnet. Die Auseinandersetzung mit dem Innen- und Aussenraum zieht sich konsequent durch dieses Werk. In seiner Wall-Serie transferiert er den Aussen- in den Innenraum und bringt in der Kunsthalle Zürich die Backsteinfassade des Löwenbräugebäudes sowie Bruchsteinmauern auf grossformatigen Ölgemälden in den musealen Raum. Seine Darstellungen von Innenräumen, seien es private oder öffentliche, werden von einer Ästhetik des Unscheinbaren getragen: Es sind vertraute Gegenstände in ihrem ursprünglichen Umfeld – ein Sessel, ein Bett, das Elternhaus oder die üblichen Empfangsräume von Banken oder Versicherungen, die der Künstler darstellt. Die Bankschalterhallen in Pictet (2007) oder der Blick in die Hotelhalle (2007) zeigen Orte, die von jeder Dekoration befreit sind. Durch dieses Entleeren legt Müllenbach die architektonische Struktur frei, so dass die in jedem Raum innewohnende Funktion deutlich zutage tritt.

 

Immer wieder tritt Müllenbach in einen eigenwilligen Dialog mit der Kunstgeschichte. Jüngst setzt er sich mit der Stummheit elektronischer Medien wie Bildschirmen auseinander – und damit mit Kasimir Malewitschs schwarzem Quadrat, der Ikone des Nullpunkts der Malerei. Erinnern diese schwarzen Flächen der ausgeschalteten Monitore in unseren Wohnungen, als Anzeigetafeln oder als Informationsträger am Empfang der Kunsthalle Zürich vorerst nicht an Malewitschs Quadrat, tun sie es in der malerischen Übersetzung. Im Gegensatz zu Malewitsch, der mit dem Gemälde Das Schwarze Quadrat 1915 den Suprematismus begründet und die Abstraktion in der Malerei radikal vollzogen hatte, stellt Müllenbach die schwarzen Quadrate in ihrer räumlichen Umgebung dar und transferiert sie zurück in die figürliche Malerei. Das unvollendete Werk, die Thematik des Non-finito, greift Müllenbach mit neueren Arbeiten auf, in denen er weisse Figuren auf ausgearbeiteten Hintergrund platziert und knüpft damit an eine Bildtradition von Henri Matisse oder Paul Cezanne an. Diese „reversed figures“, wie der Künstler diese Gestalten nennt, bewohnen wie Geister ihre Umgebung und bieten eine Projektionsfläche für den Betrachter.

 

Seit den 1970er Jahren prägt Thomas Müllenbach sowohl das Schweizer Kunstschaffen als auch die Kulturlandschaft. In seiner Funktion als Professor an der Zürcher Hochschule der Künste leistet er seit Jahren einen wichtigen Beitrag zum aktuellen Kunstdiskurs. 1985 war Müllenbach massgeblich an der Gründung des Vereins Kunsthalle Zürich beteiligt, die 2015 ihr 30-jähriges Jubiläum unter anderem mit dieser Ausstellung feiert.

Dezember

11 Do