Thomas Demand

28.03.1998-24.05.1998
Thomas Demand
Deutsch
Week

Thomas Demand benutzt zwar das Medium der Fotografie, ist aber nicht im eigentlichen Sinne Fotograf. Reale Räume und Szenerien, die als Reproduktionen massenmedial verbreitet wurden, rekonstruiert Thomas Demand aus Pappe und Papier, um sie wiederum nur als grossformatige, fotografische Erscheinungen hinter Plexiglas zu veröffentlichen. Meist weisen sie eine bestimmte inhaltliche Ausgangslage auf - die nachgebaute Studiokulisse eines Ratespiels, die Studentenbude von Bill Gates, in der er Microsoft entwickelte -, seltener auch einfache Tatbestände wie ein weisses Lochpaneel oder eine schimmernde Spüle. Seine Objekte sind einfache "Bildhauereien" und somit zweifelsfrei dem Bereich des alltäglichen Gebrauchs entzogen. Die dargelegte Unordnung etwa in "Büro" musste Ding um Ding fein säuberlich zum Bauwerk gefügt werden - ein Paradox. Nur für den Blick durch die Kamera konzipiert, verharren die Gegenstände stoisch und klar in ungreifbarer Ambivalenz. Durch mehrfache Distanzierungen werden die anekdotischen Lebenshintergründe einer unmittelbaren Wahrnehmung entzogen, ebenso die erstmalige Suggestion, einen wahrhaftigen Raum vor sich zu haben. Der Mensch bleibt im Kontext der Dinge ausgespart, der unterschwellig eine unheimliche Leere ausstrahlt. Alles wirkt substanzlos und anonym, fast virtuell. Demand eignet sich in der Rekonstruktion den Raum der banalen Gegenstände an, wie er diesseits imaginärer Uberbauten zu uns spricht. Er untersucht anhand von Simulationen sozusagen den Stand der Dinge. Er respektiert und will die Autonomie des Bildes, dort wo sich dessen Erscheinung vom aufgefundenen Anlass trennt. Das Tableau baut sich aus dem einen Material - Pappe - auf, wie das klassische Tafelbild aus Olfarbe. So gewinnen strukturelle Beziehungen zwischen Form und Farbe, malerische und skulpturale Allusionen an Bedeutung.

Dass eine neue und komplexe Form des zeitgenössischen Historienbildes latent vorhanden ist, aber zugleich verweigert wird, zeigt etwa das "Badezimmer". Zu sehen ist ein absolut durchschnittliches, aber virtuos inszeniertes Bad, das keinerlei Hinweis erlaubt, dass es sich um dasjenige des toten Uwe Barschel in einem Genfer Hotel handelt und eine brisante Affäre im Politmilieu der Bundesrepublik spiegelt. Pietätlose Reporterschnappschüsse gingen damals um die Welt. In Auslassung des tragischen Protagonisten wird auch die ikonografische Verwandtschaft mit Jacques-Louis Davids "Der ermordete Marat", das Todesdrama an sich nicht anschaulich. Dem kollektiven Gedächtnis antworten persönliche Bildreminiszenzen, deren private Bedeutung sich einem Anderen entzieht. So stehen in bürgerlicher Tradition die Familienfotos auf dem "Flügel", die sich in Demands Frühwerk nur noch schematisch ausprägen. Und das "Treppenhaus" seiner ehemaligen Schule mit seinem leicht beängstigenden Funktionalismus ist wohl Erinnerung an die eigene Jugend und an Oskar Schlemmers "Bauhaustreppe" in einem, erhält aber vielmehr eine gesellschaftliche Dimension, die bestimmte Auffassungen visualisiert, was etwa auf architektonischer Ebene als erzieherische Ideale zur Geltung gebracht werden sollte. Demands modellhafte Reflexion über die Konstruktion und Dekonstruktion von Wirklichkeit, über die Fiktionalität jedes Bildes, bindet sich an die Gratwanderung zwischen einer transformierten Dingpräsenz und den unsichtbaren Folien mentaler Zuweisungen und Distanzierungen.