Ulla von Brandenburg

26.08.2006-29.10.2006
Ulla von Brandenburg
Deutsch
Week

Das Werk der deutschen Künstlerin Ulla von Brandenburg (geboren 1974 in Karlsruhe, lebt und arbeitet in Hamburg und Paris) basiert auf historischen Versatzstücken unterschied-lichster Herkunft und Bedeutung, die die Künstlerin in der Literatur, der bildenden Kunst, im Theater, Hollywoodkino, der Fotografie aber auch in Hochglanzmagazinen, Tageszeitun-gen oder auf Flohmärkten findet. Ihre Arbeiten, die sowohl Filme als auch Zeichnungen, Scherenschnitte, Aquarelle, Zeitschriften, Wandzeichnungen und Performances umfassen, kreisen immer um „Spielregeln“ gesellschaftlicher Realität. Häufig greift sie dabei auf Materialien zurück, die das ausgehende 19. Jahrhundert und den Übergang in die sogenannte Moderne anwesend sein lassen, deren „kultivierte“ Erscheinungen und Bildfindungen sie als formalen und nicht durch einen subjektiven künstlerischen Stil geprägten Filter zur Diskussion zeitgenössischer kollektiver Erfahrungen einsetzt.

In ihrer Ausstellung im neu durch zusätzliche Räumlichkeiten erweiterten Parallelraum der Kunsthalle Zürich zeigt Ulla von Brandenburg Filme und eine eigens für die Ausstellung erarbeitete Wandinstallation. Anlässlich der Langen Nacht der Museen am 2. September, wird zudem ihr Film Ein Zaubertrickfilm (2002) in einem einmaligen Screening gezeigt.

Ulla von Brandenburgs Filme, Papierarbeiten, Rauminstallationen und Performances operieren mit Posen und Gesten aus dem visuellen Fundus des Theaters, der Fotografie, des Zirkus und der Kunstgeschichte, die sie in ihren Arbeiten zu Bildern montiert und collagiert. Es geht dabei nicht um das historische Zitat als solches, sondern um gesell-schaftliche Regelhaftigkeiten und Konstellationen, die diese immer auch als formalisiert eingefrorene und an ihrer Unbeweglichkeit scheiternde Formen erfahrbar machen.

In Reiter (2004) spielen Johann Wolfgang von Goethes Interesse am Tableau Vivant, das er als literarische Figur in den Wahlverwandtschaften einsetzt, Gesellschaftspiele des 19. Jahrhunderts, die Maler Veronese und Klossowski sowie Masken und Dekorationselemente der Commedia dell'Arte gleichzeitig eine Rolle. Ulla von Brandenburg verwebt diese zu einem ereignislosen, filmisch eingefangenen Tableau Vivant, in dem nur kleinste Bewegungen des Atmens der Figuren oder der Wind das bewegte Bildmedium sichtbar werden lassen.

In anderen Filmen, die ebenfalls Tableaux Vivants assoziieren, gruppieren sich aus unter-schiedlichen Literaturvorlagen oder Gemälden entlehnte Figuren in verschiedenen Konstellationen; in Der Brief (2004) um einen Briefleser; in Mi-Carême (2005) harrt der Betrachter in einer an eine gruppendynamische Sitzung gemahnenden Situation, in denen eine Figur mit Maske ausgeliefert im Zentrum einer sitzenden Figurengruppe steht, ein Motiv, das die Künstlerin Fasnachtsritualen entnommen hat. In der Filmarbeit Around (2005) wiederum umkreisen wir eine dicht gedrängte Menschengruppe mit der Kamera; weder dem Sucher noch uns selbst gelingt es dabei zu den Gesichtern der sich wie fremdgesteuert im Kreis drehenden Figuren vorzudringen. Grupppenrituale, Magie, Okkultismus, Hysterie, Krankheit – Regelhaftigkeiten und Konstellationen menschlichen Verhaltens allgemein werden in allen Arbeiten der Künstlerin wirksam und schaffen eigenartig emotionslose Bilder formalisierten Verhaltens.

Anna-Catharina Gebbers formuliert zum Werk der Künstlerin wie folgt: „Das häufig in den Arbeiten auftauchende Motiv der Maske lässt an die Masken Nietzsches oder den revolutionären Gebrauch der Geschichtsmasken denken, den Benjamin den Surrealisten unterstellt. Eine Maske ermöglicht einen emotionalen Freiraum für Darstellungen und eine reflektierende Distanzierung – so wie das Übertragen von Bildern in ein anderes Medium, das Collagieren oder die historisierende Darstellungsweise. Ulla von Brandenburgs Arbeiten beziehen sich nicht wirklich auf eine spezifische historische Phase, eher verhandeln sie die gewandelte kulturelle Bedeutung von Bild, Sprache und Repräsentation. Die formale Inszenierung und der Aspekt der Übertragung als solche werden betont: Blickachsen bilden ein strenges Kompositionsgefüge, die Posen und Gesten wirken theatralisch unnatürlich und prätentiös. Gegen die ‚Tyrannei der Intimität‘ (Richard Sennett) biografischer künstlerischer Verfahren wird eine Feier der theatralen und artistischen Kompetenz entgegengesetzt, die einen kultivierten Abstand ermöglicht.

Diese subtile Distanzierung von modernistischen, auf Expression und Subjektivität basierenden Konzeptionen der Autor- oder Meisterschaft und von dem Konstrukt einer reinen Visualität des Kunstwerks verweist auf Verfahren der Conceptual Art. Nicht die individuelle Handschrift des Künstlers steht im Vordergrund, sondern vielmehr die Rolle des Betrachters, der die Geschlossenheit des Werkes in der Rezeption herstellt. Die Tableaux Vivants nehmen oft den neutralen Hintergrund des White Cube auf in dem sie präsentiert werden: In ihm schwimmen auch die Betrachter als entkörperlichte Augen – White Cube und Darstellungsraum gehen ineinander über. Auf unsere laut Benjamin durch Flüchtigkeit und Wiederholbarkeit geprägte Wahrnehmungsweise antwortet von Brandenburg wie Warhol mit einem Dehnen des Moments: Nichts geschieht auf den Bildern. Die abgebildeten Figuren harren aus.”

 

Die Kunsthalle Zürich dankt: Präsidialdepartement der Stadt Zürich, Luma Stiftung