Wade Guyton, Seth Price, Josh Smith, Kelley Walker

08.04.2006-28.05.2006
Wade Guyton, Seth Price, Josh Smith, Kelley Walker
Deutsch
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Sie quetschen Leinwände durch Ink-Jet-Drucker, übermalen digital bearbeitetes Bildmaterial aus den Medien mit Schokolade, scannen frisch geschnittenes Gemüse und Obst, vergolden in Skulpturen verwandelte Recyclingzeichen. Sie mischen sich auf unterschiedliche Art und Weise in digital erfasstes Material aus der Kunstgeschichte, den Medien und der Werbung, strapazieren den Begriff der Autorenschaft mit exzessivem Gebrauch des eigenen Namens für Gemälde, Collagen, Zeichnungen und unendlichen Fotokopien davon und pressen kunstgeschichtliche Zitate reliefartig aus billigem Plastik. Sie sampeln Musik, Text und Bild ohne Identifikation der jeweiligen Autoren, bringen Materialien aus der Kunstgeschichte und der Literatur als digitale Druckkopien wieder in öffentlichen Umlauf, und sie quälen jegliche nur denkbare und verwendbare Technologie des digitalen Alltags wie der Reproduktionstechnologie mit unangemessenen Materialien und ebenso unangemessenem Gebrauch.

Wade Guyton (1972, Indiana), Seth Price (1973, Jerusalem), Josh Smith (1976, Tennessee) und Kelley Walker (1969, Georgia) leben in New York. Die Aufzählung ihrer Arbeiten mit einem ‚sie‘ zu vereinnahmen ist absichtsvoll irreführend, denn die Arbeiten der vier Künstler unterscheiden sich sowohl visuell als auch von ihrer individuellen Vorgehensweise auffallend.

Die vier Künstler bilden keine Künstlergruppe, dies obwohl Wade Guyton und Kelley Walker schon öfters Ausstellungen gemeinsam realisiert haben und alle vier Künstler in immer wieder unterschiedlichen Konstellationen – oftmals ergänzt durch weitere Kunstschaffende und Theoretiker - gemeinsame Projekte realisieren. So zum Beispiel mit „Continuous Project“, einem New Yorker Kollektiv, mit dem sie historisches Material wie kunstgeschichtlich bahnbrechende Magazine aber auch Schriften von zweifelhaften Geschichtsfiguren wieder in Diskussion bringen; oder aber mit der von Seth Price betriebenen Webseite „Distributed History“, die in einer Art kooperativer Metaebene ausgewählte eigene wie fremde Projekte zugänglich macht.

Die gemeinsame Ausstellung der vier Künstler in der Kunsthalle Zürich ist folgerichtig weder eine thematisch hinterlegte Gruppenausstellung noch eine kuratorisch initiierte Kollaboration, sondern setzt die jeweilige Identität der vier Künstler zentral: ein Jeder von Ihnen stellt sich mit einer umfassenden Gruppe neuer Arbeiten vor – gemeinsam wird die Präsentation in der Kunsthalle Zürich vor Ort erarbeitet, den klassischen Begriff der Installation aufgreifend und austestend.

Wade Guytons Arbeiten basieren auf einer Durchdrungenheit des Alltags von Aneignungen aus der Kunstgeschichte, insbesondere den ästhetischen und ideologischen Ansätzen des Konstruktivismus und der in der Schweiz sehr präsenten Tradition der konkreten Kunst. Er überdruckt Materialien aus Kunstgeschichtsbüchern, ‚malt’, in dem er digital bearbeitetes Material von Druckmaschinen auf Leinwand ausdrucken lässt oder übersetzt populäres Alltagsdesign in Skulpturen.

Seth Price presst Kunstgeschichte in Verpackungsmaterialien, wiederholt und sampelt Materialien aus Kunst, Musik, Literatur und Film zu exzentrischen neuen Gebilden, sowohl was ihre materielle als auch ihre mediale Umsetzung betrifft. Neben Videos, die ohne Kamera entstehen, organisiert er digitales Material in allen erdenklichen Formen, um Themen der Distribution und Identifikation zu behandeln.

Auch Kelley Walker bearbeitet existierendes Material aus der Kunst, aus den Medien und der Werbung: Markenästhetik, Medienbilder, Alltagsbranding werden in seinen Arbeiten mit Realität kontaminiert und enthierarchisiert, wenn er zum Beispiel digital bearbeitetes heterogenes Material mit Schokolade malerisch überarbeitet.

Allen gemeinsam ist eine Post-Pop-Attitüde, die vielleicht dem ganzen ‚Zeugs’ der Welt wieder einen eigenständigen und autonomen Status des Realen zu geben vermag. Eine Wiederauflage des Pop mit anderen Mitteln, nämlich denen der Aufspürung der realisierten (aber auch pervertierten) Einflussnahme künstlerischer Strategien durch die Werbung, durch die Medien und den Alltag.

Josh Smith, dessen Arbeiten obsessiv mit dem eigenen (Allerwelts-)Namen operieren, den er zur alleinigen Ikonographie seiner Gemälde, Zeichnungen und Collagen macht, und den er mit seiner ebenso obsessiven Fotokopierpraxis ins Unendliche multipliziert, agiert in diesem künstlerischen Feld wie die sprichwörtliche Rückseite der Medaille und thematisiert dennoch das Gleiche: Alle vier Künstler behandeln eine Realität, die von den Überhöhungsstrategien der Kunst und deren Vermarktung ebenso geprägt ist wie von den durch das Internet und die digitale Kopie verbreiteten Bildern. Dies könnte vielleicht zu einer anderen Form der Kooperation führen, die gerade auf der Überlagerung und Verlagerung der Begriffe von Autorenschaft und Copyright basiert, einer sozusagen kollektiven Kreativität, die auf der enthierarchisierten und entideologisierten Aneignung von verfügbarer Realität beruht.

 

Die Kunsthalle Zürich dankt:

Präsidialdepartement der Stadt Zürich, Luma Stiftung, Kanton Zürich