Wolfgang Tillmans

25.03.1995-21.05.1995
Wolfgang Tillmans
Deutsch
Week

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Fotografisch portraitiert Wolfgang Tillmans ihm vertraute Menschen seines Alters in den unterschiedlichsten Alltagsbereichen, so im chaotischen Haushalt einer Wohngemeinschaft, vor den Warengestellen im Supermarkt, bei einer Love Parade oder im Tanzrausch der nächtlichen Streifzüge. Meist sind es die von Jugendlichen geschaffenen subkulturellen Nischen im urbanen Lebensraum, die dem heute in New York, vorher in London lebenden deutschen Künstler das Ambiente abgeben. Aber auch der Strand von Bournemouth oder die sakrale Stille einer Hamburger Kirche versprechen weiter dimensionierte Erfahrungsräume für einen spürbar werdenden Freiheitselan und Erlebnishunger.

Tillmans achtet zwar auf die Gestaltung von Wirklichkeit, stellt aber die Wirklichkeit unprätentiös ins Zentrum. Nicht die perfektionierte Technik, sondern das unmittelbare Dabei- und Dasein werden wesentlich. Hart wie Techno und mit grosser Unbefangenheit zugleich, wird ein Lebensgefühl der dauernden Bewegung, der multikulturellen Gemeinschaft, der nonchalanten Erotik aufgezeigt. Wolfgang Tillmans schafft ein subjektives Portrait seiner eigenen Generation, das den Nerv ihrer Wünsche und Obsessionen trifft, ambivalent zwischen Inszenierung und Identität, Sachlichkeit und Attitüde vermittelnd.

Dabei bringt er seine Erfahrung als Mode- und Lifestylefotograf für Magazine wie i-D unmittelbar ein, für das er früher gearbeitet hat. Auch bei den gleich behandelten Auftragsarbeiten geht es wenig um Verführung zur Konsumation oder Produktwerbung, denn eigentlich werden extremistische Anti-Kleider vorgeführt, die die spielerische bis ketzerische Individualität, das Selbstverständnis seiner Modelle betonen und letztlich den Bezug zur Mode überflüssig machen. Die oft tunlichst vermiedenen Berührungspunkte zwischen Mode- und Kunstfotografie werden hier ohne Hemmung ausgespielt, was Tillmans Bildern eine spezifische Kraft verleiht, die sowohl von der schrillen Kurzlebigkeit der Modewelt als auch von elaborierten Kunstkonzepten Abstand hält. Echte Neugier für die menschliche Natur bildet den Antrieb, sei es als Individuum, das das Yuppie-Zeitalter nicht kennengelernt hat, sei es als Teil einer grösseren oder kleineren Gemeinschaft mit den entsprechenden Attributen. Immer wieder fliessen auch Zeichen von gesellschaftspolitischem Aktivismus ins Bild ein, so Sprays in einer Berliner Untergrundstation, die von Wut über einen durch Neonazis verübten Mord zeugen, “Gay Pride" oder "Bono" mit einem Antirassismuspamphlet, denen besinnlichere, naturnahe Momente gegenüberstehen.

In der Ausstellung werden insbesondere Bubblejets gezeigt, via Scanner erreichte Grossformate, die lose an der Wand hängen und in ihrem gerasterten Pointillismus der Aesthetik der Farbfotokopien gleichkommen. So wirken Tillmans Farben intensiv und gebleicht zugleich. Auch Konstellationen von kleineren C-Prints streuen sich ein, die das Einzelbild verstärkt als Teil von stetig sich ändernden Zusammenhängen einsehbar machen.

September

01 Sa