Reading Rämistrasse #13: Giulia Bernardi zur partizipativen Performance von Ronja Römmelt auf dem Tessinerplatz

Ich stehe auf dem Platz, beobachte aus der Ferne einen Performer, fühle mich etwas unsicher, ungewiss, was mich erwartet. Dann sieht er mich. «Willst du mitmachen?», fragt er. Will ich? Ich weiss nicht, überlege kurz. «Mh, okay. Was muss ich tun?» Er lächelt, führt mich an eine Stelle, an der ein Klebeband auf dem Boden befestigt ist. Dort steht die Anleitung: Abwechselnd einen Schritt vor- oder zurückgehen, Blickkontakt halten, bis uns lediglich eine Unterarmlänge trennt. Ich nicke, er läuft zu einer zweiten Markierung, die einige Meter entfernt ist. Vielleicht fünf oder sechs.

Wir stehen einander gegenüber, schauen uns in die Augen, meine Gefühle fahren Achterbahn: Ich bin aufgeregt, gespannt, fühle mich etwas unwohl. Er macht einen Schritt auf mich zu, bleibt stehen. Ich auf ihn, bleibe stehen. Er auf mich. Dann weiche ich zurück, möchte meinen Blick abwenden. Wann habe ich das letzte Mal jemandem so lange in die Augen geschaut? Wie lange stehen wir überhaupt schon hier? Eine, fünf, zehn Minuten? Vor und zurück, zurück und vor. Plötzlich sind wir uns nahe. «Ist das nicht schon eine Unterarmlänge?» Er grinst und hält seinen Arm zwischen uns. «Nicht ganz.» Vor und zurück, zurück und vor, bis wir die vorgegebene Distanz erreicht haben. Dann hören wir auf, verabschieden uns, entfernen uns voneinander, obwohl wir uns für kurze Zeit seltsam nah waren.

Ronja Römmelt, Zwischenräume, partizipative Performance im Rahmen der Gasträume 2020, Tessinerplatz

30. Juni – 15. September 2020, jeden Dienstag von 17:30 bis 19:30 Uhr

Bild: Ronja Römmelt, Zwischenräume, 2020, Partizipative Performance, Courtesy: die Künstlerin

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01.09.2020