Reading Rämistrasse #18: Johanna Vieli zu Clifford E. Bruckmann bei unanimous consent

Betreten wir Clifford E. Bruckmanns Ausstellung «six degrees of memories, decisions, potentials» im kürzlich eröffneten Kunstraum unanimous consent, tauchen wir sensorisch in den Vorraum eines Hallenbads ein. Es riecht chlorig, ist heiss und schwül.

Mit «life. people. powerful connections» vermarktet sich unanimous consent. Klingt sympathisch! Im Eingangsbereich sind in einer Garderobenvorrichtung Slippers, Tote Bags und aufgehängte Frottiertücher penibel hergerichtet. Alles ist mit ebendiesem Spruch gebrandet. Am richtigen Ort gelandet? Oder befinden wir uns eher in der Lounge eines Fitnesshallenbads für überarbeitete Selbstoptimierer? Ausgelegte Ausstellungstexte und Floorplans deuten auf ersteres hin. Jedoch nicht darauf eingezeichnet ist der Werbeslogan, der die Wand ziert.

Im ersten Raum ist eine sorgfältig ausgelegte Installation von schwarzen Routern und Mehrsteckleisten zu sehen. 96 sind es, schlüsselt die sorgfältige Auflistung auf dem Floorplan auf. Ebenfalls darin befindet sich ein aufblasbarer, mit Wasser gefüllter Whirpool, der mit LED-Lichtern ausgeleuchtet ist und still darauf wartet in Betrieb genommen zu werden. Im zweiten Raum sprudeln zwei weitere Whirpools vor sich hin und von der Decke hängen flauschige Kuscheldecken, die mit Pastell-Neon-Farbverläufen und grossbuchstabigen, schwarzumrandeten Phrasen bedruckt sind. «BEAUTY OUTSIDE BEAST INSIDE», «IT'S YOUR LIFE, MAKE IT LARGE», «SHARE THE FANTASY».

«THINK DIFFERENT», der ist wohl altbekannt. Der Werbespruch für den erstmals produzierten Macintosh, mit dem Apple im dazugehörigen Werbespot 1984 das Verständnis vom Personal Computer sowie die ganze Werbeindustrie grundlegend revolutioniert hat. Während IBM ihren Rechner mit «Think» bewarb, bediente sich Apple mit «Think different» der Sprache der Kreativbranche und referierte darüber hinaus auf den gleichnamigen Science Fiction Roman von George Orwell.

In «einstimmiger Zustimmung» befinden wir uns irgendwo zwischen Wohlfühl- und Wellnessbereich, Konsumträumen und utopischen Versprechen der Marketingsprache. Lassen sich diese Sprüche besser verdauen, wenn wir sie in dem 33.5 °C temperierten Sprudelbad lesen? Schauen wir auf unsere Mobilgeräte, geben auch die 96 Möglichkeiten, sich passwortlos ins WLAN einzuloggen keine Antwort. Einige der Netzwerke sind mit vergleichbaren Namen betitelt, wie wenn gerade versucht würde im Dutyfree eines Flughafens ins Netz einzutauchen «tommy hilfiger», «flagship store» oder «nigori sake»; neun der Netzverbindungen deklinieren die Möglichkeiten durch, wenn sich die neun Wörter von «all work and no play is no fun at» jeweils um einen Platz verschieben; und die restlichen sind mit anderen beliebigen und inhaltsleeren Bezeichnungen betitelt.

Clifford E. Bruckmanns Ausstellung ist präzise konzipiert. Wie ein Spiegel führt sie uns glatt, unkritisch und skrupellos vor Augen, wie die Werbe- und Konsumkultur unser Leben und unsere Vorstellungen durchdringt. Seine eigenen sprachlichen Setzungen, die Namen der WLAN Verbindungen, konterkarieren die reproduzierten Werbesprüche nicht. So auch der Werbeslogan von unanimous consent «life. people. powerful connections», der sich als Rebranding des Künstlers herausstellt sowie die dazugehörigen Hallenbad-Merchandising-Artikel im Eingangsbereich, die er als Edition zur Ausstellung herausgegeben hat.

Clifford E. Bruckmann: six degrees of memories, decisions, potentials, unanimous consent, Zürich 

29. August – 11. Oktober 2020

Fotos: Michal Florence Schorro, courtesy unanimous consent and the artist

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02.10.2020