Reading Rämistrasse #20: Clifford E. Bruckmann zu Housewarming bei Im Grafenhag

Selten erhalte ich die Gelegenheit, neu entstehende Projekte, die ausserhalb der gewohnten Räume und mit den bekannten Akteur*innen stattfinden, von Beginn weg zu verfolgen. Umso aufregender war meine Begegnung mit der Veranstaltung Housewarming eines kuratorischen Kollektivs unter dem temporären Namen «Im Grafenhag». Das Kollektiv besteht aus Jamira Estrada, Julia Hegi, Antonia Truninger und Sophia Lara Nimue Schweizer, welche solch diverse Hintergründe wie Kunst- und Architekturgeschichte, Film, Linguistik, Philosophie und Musik vereinen. Ein breites Spektrum, welches Raum für Wissen und Verhandlung bietet – Raum, der sich in der Anlage des Projekts bemerkbar macht. Im Grafenhag (imagine a house) ist ihr temporäres Projekt, welches ab September 2020 rund ein halbes Jahr Bestand haben wird.

Die Liegenschaft im Grafenhag 23 in Oberwinterthur ist ein gepflegtes Wohnhaus, welches mit durchaus durchdachter Architektur der 1960er-Jahre besticht und sich als Bungalow mit wildem, grosszügigem Garten als spezieller Ort in das Gefüge eines ansonsten gutbürgerlichen, sehr manikürierten und fast schon klischiert deutschschweizerischen Quartiers einfügt. Für Oberwinterthurer Verhältnisse könnte es fast schon das Äquivalent eines Case Study House an der US-Amerikanischen Westküste sein, ist es doch ein ungewöhnlicher aber angenehm simpel gehaltener Bau. Die architektonische und bauliche Einfachheit des Gebäudes ist es aber auch, die es überhaupt erst zum Ort des gegenwärtigen Geschehens macht: Baurechtliche Veränderungen im Laufe der Jahrzehnte, nicht aufgebrauchte Ausnützungsziffern durch Umzonungen sowie der Mangel an modernsten Heizungs- und Energieinstallationen lassen das Einfamilienhaus zum Opfer neuer Technologien, neuer Dringlichkeiten und neuer Kosten werden. Solche Veränderungen werden wohl selten derart offensichtlich erkennbar, wie bei Gebäuden – so wird die eigentlich weiterhin haltbare Bausubstanz von technischer und technologischer Innovation sowie neuer Gesetzgebung überholt. Gleichzeitig – ohne dass bereits ein endgültiger Entwurf vorliegen würde – befinden sich auf dem Gelände bereits die Bauvisiere, die vom Kommenden zeugen. So ist das alte Haus noch nicht ganz weg und das neue Haus noch nicht ganz da – der Untertitel des Projekts imagine a house ist somit nicht nur Handlungsanweisung und gedanklicher Trigger, sondern auch eine Möglichkeit, den vorhandenen Raum erfassen zu können.

Es spricht für die Sensibilität der kuratorischen Herangehensweise, dass die Realität der Veränderungen nicht im Übermasse oder explizit thematisiert wird, sondern mit Feingefühl Werke von Künstler*innen gewählt wurden, die das Spektrum der Themen von Eigen- oder Familienheim bis zu Eigentums- und Kapitalkritik für die eröffnende Ausstellung raffiniert beleuchten. So wird für die kommenden Monate des Projekts eine Basis gelegt, die eine längere Erzählung mit hoffentlich eintretenden Plot-Twists und Überraschungen in Aussicht stellt. Eine Erzählung, die nicht verlangt, dass diese erste Veranstaltung oder Ausstellung einen Beginn und ein Ende hat. Hierin liegt auch das Bemerkenswerte und Anziehende am – von mir herbeispekulierten – Format des Projekts: die Präzision in der Undefiniertheit, die intuitive Sicherheit im Ungewissen. So haben die Organisatorinnen bei allen Rahmenbedingungen eine formale und kommunikative Professionalität an den Tag gelegt, die nicht nur anderen Kurator*innen in der frühsten Phase ihres Tuns, sondern auch manch etablierteren Betrieben gut anstehen würde und gleichzeitig ein Setting geschaffen, die den Beitragenden ­– Besuchende inbegriffen – die gedankliche Freiheit gewährt dem Aufruf zur Imagination nachzukommen.

Jürgen Baumann hinterlässt mit seiner Arbeit Schuhsohlenabdruck, 2020, eine neo-archäologische Ausgrabungsstätte mit Pseudoartefakt. Unter einer Wegplatte findet sich ein offengelegter Schuhabdruck, der scheinbar im flüssigen Beton des damals im Bau befindlichen Hauses hinterlassen wurde. Ein flüchtiges Versehen einer Baufachkraft in den 1960ern liegt nahe, kann aber durch das moderne Schuhprofil schnell ausgeschlossen werden. Baumanns kleine und versteckte Intervention generiert eine Kaskade von Fragestellungen um Besitzverhältnisse eines Grundstücks sowie der Nutzungs- und Gestaltungsrechte. Er tut dies subtil und leicht verschleiert, ohne artifizielle Mystifizierung herstellen zu wollen.

Alice Grosjean hat eine spielerische und dennoch ernsthafte Haltung zum Häuslichen und hauswirtschaftlichen Aufgaben entwickelt, die sich in der Platzierung von Kleidungsstücken auf Trockenständer, im Hintereingang und auf einem Fenstersims manifestieren. Form und Farbe der Kleidungsstücke scheinen austauschbar, ihre Plastizität und die vermutete haptische Qualität, welche am ehesten als glitschig erwartet werden kann, stellen allerdings deren Spezifizität klar. Die Serie I thought I was an alien, 2020, spielt mit der befremdlichen Begegnung, konditionierten, assoziativen Reflexen und Politiken des Räumlichen – sind diese Kleidungsstücke doch präzise platziert und dennoch überall im Weg.

Selini Demetriou lässt mit ihrer auf den ersten Blick formal hart erscheinenden Arbeit senza fine, 2020, bestehend aus zwei keramischen Platten, einem Bauvisier und einem Sticker mit der Aufschrift «Senza Fine 1960-2021» eine intime Beziehung zur Idee des Heims durchschimmern. Mit einem mit poetischem Augenzwinkern durchsetztem, vielschichtigen und konzeptionell überzeugendem Werk, lässt Demetriou Zeitlichkeiten, Materialitäten und Beziehungen gekonnt ins Leere laufen und Gedanken damit erfolgreich kreisen. Zwar beziehen sich die Jahreszahlen «1960» und «2021» auf das Erstellungs- und das geplante Abrissdatum der Liegenschaft, senza fine aber bedeutet «endlos» oder «ewig». Im September 1961 - und so ziemlich genau 59 Jahre vor der Präsentation der Arbeit von Demetriou - veröffentlichte Ornella Vanoni die Schnulze «Senza Fine» und erreichte höhere Sphären der italienischen Charts. Es fällt leicht der Vorstellung zu erliegen, wie im ersten Frühherbst nach Erstellung des Hauses, sich die hier wohnhafte Familie mit ihren Freunden bei ähnlich lauem Wetter einfand und der Song am Radio plärrte. Die Anbringung des Stickers an einem der Bauvisiere zusammen mit den Daten – der Inschrift auf einem Grabstein, auch durch die Wahl der Schriftart, ähnlich – schlägt der Nostalgie aber auch der visuellen Gewohnheit ein Schnippchen. Ob endlose Nächte oder die Endlichkeit der mit einem Familienheim verbundenen Geborgenheit bleibt ungewiss. Die Keramikplatten steigern diese Verwirrung zusätzlich, ist es doch gänzlich unklar ob sie Relikte des Alten oder Ankündigung des Neuen sind. Zusammen mit der plötzlich im Hinterkopf laufenden Melodie des Liedes lässt Demetriou einen Zustand zwischen Nostalgie und Geborgenheit, sowie Veränderung und Endlichkeit zurück, der leicht auf eigene Beziehungen und Biografien zu übertragen ist.

Solche temporären Projekte wie Im Grafenhag (imagine a house) befinden sich oft in der schwierigen Position, dass sie einerseits innovative oder ungewöhnliche Formate und Situationen entwickeln können, andererseits aber durch ihren kurzlebigen Charakter nicht dieselbe Aufmerksamkeit erhalten wie dies etabliertere Projekte mit fortschreitender Dauer tun. Der Begleittext zu Housewarming trägt den Titel Testimony of Summer Nights und entspringt den Zeilen aus The Waste Land von T.S. Eliot:

«Or other testimony of summer nights. The nymphs are departed. // And their friends, the loitering heirs of city directors; // Departed, have left no addresses.»

Die beiden Kuratorinnen Julia Hegi und Antonia Truninger sprechen darin von «Ende und Neuanfang in unmittelbarer Verschränkung». Mit ihrem Projekt und dieser Veranstaltung legen sie einen Erwartungsfreude weckenden Start hin um die Ähnlichkeiten und Diskrepanzen dieser uns alle beschäftigenden, vermeintlichen Pole intensiver zu verhandeln.

Im Grafenhag (imagine a house): Im Grafenhag 23, 8404 Winterthur (@imgrafenhag23)

19. September 2020 - Januar 2021

Mit Beiträgen von Jürgen Baumann, Yara Bhend, Selini Demetriou, Chaia Duran, Monika Fink, Zeno Germinale, Alice Grosjean, Manuel Justo, Roman Selim Khereddine, Ivana Kojić, Manuel Market, Matheline Marmy, Matilde Martins, Sina Oberhänsli, Mark Siumin, Jonathan Vidal, Angelina Yerli.

Bilder © Hannes Truninger 2020, courtesy of the artists and Im Grafenhag

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15.10.2020