Reading Rämistrasse #27: Daniel Morgenthaler zu Let’s talk about race

Full disclosure: Arathy Pathmanathan und ich sind Arbeitskolleg*innen im Helmhaus Zürich. Aber ich schreibe ja hier auch als Mitarbeiter des Helmhaus für den Blog der Kunsthalle Zürich. Das ist ein bisschen so, wie wenn ich als weisse Person über Rassismus schreiben würde.

What the hellll? Das könnte Leslie zu diesem Vergleich sagen. Sie ist eine der Protagonist*innen von Let’s talk about race, einer mehrteiligen Videoinstallation von Arathy Pathmanathan (*1993), zu erleben im fast verschwindend kleinen Zürcher Kunstraum mit dem treffenden Namen Kein Museum. Leslie – ich bin gleich per Du mit ihr, aber dazu später mehr, viel mehr – erzählt auf einem Tablet von ihren Erfahrungen als BIPOC in der Schweiz. Vor einem Backdrop, der aus einem Werk von Pamela Rosenkranz stammen könnte, eine Art weisshäutige Rückendeckung. Die natürlich alles andere als den Rücken stärkt, sondern mit jedem weiteren Bericht jeder weiteren Protagonist*in of Color zum noch rosaroteren Elefanten im Studio wird. Leslie und die anderen sprechen mich, wie gesagt, direkt an. Sprechen über Erfahrungen mit mir, wo sie mich zum ersten Mal kennengelernt hätten, solche Sachen. Nur: Ich weiss nichts davon.

Still von Let's Talk About Race, Arathy Pathmanathan

Und genau das ist das Problem: Ich weiss nichts davon. Das Du in Akt I der Arbeit von Arathy Pathmanathan bin nicht ich, sondern es ist der Rassismus. Er wird angesprochen, geduzt, konfrontiert. In dieser grandiosen Verwirrung wird die Arbeit zum produktiven performativen Speech Act: Du, das ist der Rassismus. Aber Du, das bin vor allem auch ich. Ich bin Rassismus.

What the hellll? Das könnte ich sagen, wenn ich langsam herausgefunden habe, wer ich bin hier. Ich weiss nichts davon. Rassismus bin nicht ich.

Aber natürlich bin ich doch Rassismus. Nur schon, weil ich weiss bin in einer Gesellschaft, die BIPOCs offenkundig strukturell benachteiligt. Und weil ich vielleicht sogar geneigt bin, mich in dieser plötzlich sehr engen Installation ausgeschlossen zu fühlen. Ich bin der einzige Weisse hier. Das ist doch auch Rassismus gegen mich. Und ohnehin, brauchen die Protagonist*innen im gross an die Wand projizierten Akt III von Let’s talk about race ihre Begriffe nicht etwas jovial? Von welcher «Rassimus»-Definition etwa gehen die BIPOCs – die meisten von ihnen begegnen uns schon im ersten Akt – in ihrer Gruppendiskussion genau aus?

Genau diese Haltung ist es, die zu Buchtiteln wie dem von Reni Eddo-Logde führen: Why I’m No Longer Talking to White People About Race. Solange wir bei Rassismusvorwürfen den Spiess umdrehen und auf sogenannten Rassismus gegen Weisse verweisen (wie das zum Beispiel Sam Keller von der Fondation Beyeler macht, wenn er Kritik am weissen, männlichen Programm des Museums in der Zeit als «sexistisch und rassistisch» bezeichnet – ein Rundumschlag gegen zwei jahrhundertealte emanzipatorische Bewegungen, fast so gewaltvoll wie ein physischer Schlag ins Gesicht), und solange wir diese Bewegungen der fehlenden Präzision in ihren Begrifflichkeiten bezichtigen (Ist nicht unser Rassismus etwas vom perfid-präzisesten und zugleich unpräzisesten überhaupt? – ich sage nur: Schwarz und Weiss…), solange müssen wir uns nicht wundern, wenn wir nicht mehr zum Gespräch über Rassismus geladen werden.

Still, Let's Talk About Race, Arathy Pathmanathan

Arathy Pathmanathan zitiert das Buch von Reni Eddo-Lodge in ihrer Arbeit im Vor- und Nachwort ausführlich und paraphrasiert es auf die psychisch wie physisch gewaltvolle Situation in der Schweiz angewandt. Aber sie bricht die Patt-Situation auf – für mich eine grosse Stärke dieses Werks: Im Gegensatz zu Reni Eddo-Lodge, die mich nicht anspricht, nur damit ich ihr Buch umso mehr lesen möchte, adressieren mich die Protagonist*innen von Arathy Pathmanathan eben. Let’s talk about race ist ein Gesprächsangebot. Aber es ist auch ein unverblümter Vorwurf. Es geht für einmal nicht um mich hier. Und es geht nur um mich. Ein bisschen wie im vielzitierten Gedicht von Pat Parker: «The first thing you do is to forget that I’m black. Second, you must never forget that I’m black.»

Jetzt habe ich als Helmhaus-Mitarbeiter für den Kunsthalle-Blog geschrieben. Ist das ein bisschen so, wie wenn ich als Weisser über Rassismus schreibe? Ein bisschen zumindest schon: Beides tue ich aus einer gesicherten Machtposition heraus. Und ich kann lange sagen, dass ich meine Machtposition als weisser Mann gerne hergebe, wenn ich meine Machtposition als weisser Helmhaus-Mann nicht zur Debatte stelle.

Arathy Pathmanathan, Let’s talk about race, Kein Museum, Mutschellenstrasse 2, 8002 Zürich

10. bis 13. Dezember 2020. Eine Mitteilung von Kein Museum: «Leider sind keine Anmeldungen mehr möglich. Die Veranstaltung ist komplett ausgebucht. Gerne verweisen wir auf das digitale Vermittlungsprogramm: Am 12.12.20 um 17 Uhr wird es ein Werkgespräch mit Ausschnitten aus dem Werk geben. Link zum Video-Livestream: GDS.FM

Bilder: Stills von Let's talk about race, Arathy Pathmanathan, Kamera Noah Frey, Nino Michel, Alan Sahin.

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10.12.2020