Reading Rämistrasse #3: Rebecka Domig zu Florence Jung im Helmhaus

An dieser Stelle folgt ein schlechter Vergleich. In der Art wie: 
Man steigt nie zwei Mal in den selben Fluss. 
Man geht nie zwei Mal in die selbe Ausstellung. 
Zumindest nicht, wenn ein Besuch vor Corona liegt und einer danach. Der erste Besuch findet unter denkbar besten Voraussetzungen statt. Ich habe keine Ahnung was ich von Florence Jung zu sehen bekommen werde und stolpere zu spät zur Kuratorenführung ins Helmhaus. Schnurstracks in den grossen Raum im ersten Stock, wo ein Mann vor einer geschlossenen Tür steht. «Findet da drin die Führung statt?» Er blickt mich starr an. Antwortet nicht. Seine fehlende Reaktion berührt mich peinlich, und ich drehe mich um und gehe schnell hinaus. Der Mann ruft mir noch etwas hinterher, aber ich blende ihn aus - mein Bedürfnis nach Flucht ist grösser. Beschämt greife ich mir eins der Büchlein, die ich zunächst achtlos am Eingang liegen gelassen hatte. Saaltexte lese ich nur ungern, während ich in einer Ausstellung stehe. Bei Florence Jung sind sie die Bedienungsanleitung. Ohne ist man verloren.

Zweiter Versuch. 
Zweiter Besuch. 
Die Ausstellung fängt jetzt früher an. Also nicht die Ausstellung an sich, aber der Ausstellungsbesuch in Zeiten von Corona. Während ich im Helmhaus die Stufen nach oben steige, wartet eine freundlich winkende Frau mit Desinfektionsmittel auf mich. In regelmässigen Abständen sind schwarze Streifen auf die Stufen geklebt worden. 2 Meter Abstand. 30 Personen maximal. Oben angekommen informiert mich die Aufsicht, dass ich unbedingt eins der Büchlein dort nehmen sollte. Die Ausstellung würde rechts beginnen. Ich folge ihren Anweisungen. Gehe in den ersten Raum. Das Namensschild. Die Tür, die sich nicht öffnen lässt. Zweiter Raum. Und ja, hier zeigt sich der Unterschied: Der Mann vor der verschlossenen Tür trägt jetzt ein Schutzvisier. Auf dem Boden vor ihm sind in regelmässigen Abständen Klebestreifen angebracht. Auf einmal ist ganz eindeutig klar, dass man mit ihm interagieren muss. Dass man sogar warten sollte, wenn eine andere Person mit ihm spricht. Die Richtung der Ausstellung ist nun auch ohne Bedienungsanleitung klar vorgegeben. Ich frage wieder, ob er mich hineinlässt. Er gibt mir mit einem Handzeichen zu verstehen, dass ich warten soll. Das Skript hat sich also nicht geändert. Die Corona-Regeln sind mir inzwischen vertraut und geben mir auch in der Ausstellung Halt. Brav bleibe ich auf dem schwarzen Streifen stehen. Ich wollte mir die Ausstellung von Florence Jung noch einmal nach Corona anschauen, weil es mich interessierte, ob ich die Ausstellung nun anders lesen würde. Habe ich nach Wochen, in denen ich jede minimale Veränderung der Verhaltensregeln im Alltag studiert habe, nun einen Startvorteil in einer Ausstellung, die von menschlicher Interaktion handelt? 

Im Prinzip war das Leben im Lockdown eine einzige Florence Jung Ausstellung. Für alltägliche Interaktionen gab es plötzlich neue Verhaltensregeln, die ich mir erst aneignen musste, die ich testen oder denen ich mich widersetzen konnte. «Auch das Nicht-Greifbare hinterlässt Spuren.» Der Satz, den ich in der Ausstellung übers Telefon zu hören kriege, während ich auf die Limmat starre, klingt in diesem Zusammenhang wie ein Orakel. 
Florence Jung gibt sich grösste Mühe, nicht greifbar zu bleiben. Die Ausstellung, eine präzise choreographierte Raumabfolge, stellt das eigene Verhalten in sozialen Situationen aus. Es gleicht auf dieser Weise einem Spiegelkabinett, in dem man sich selbst vorgeführt wird. Das mag schlau sein oder ein fauler Trick. Funktionieren tut es allemal. 
Es gibt dieses Werk in der Ausstellung, also, einen Raum, ein Teppich, darunter vier Visitenkarten «die eines Politikers, eines Journalisten, eines Bankiers und eines Polizisten. Alle leben und arbeiten in Zürich.» So steht es in dem Büchlein. Aber sind diese Visitenkarten wirklich da? Die Frage ist vielmehr: Bin ich die Art von Person, die den Teppich hochreisst, um nachzuschauen, ob sie wirklich da liegen? Glaube ich es einfach? Oder glaube ich es nicht? Der Teppich sieht auf jeden Fall so aus, als ob er schon getestet worden wäre.

Florence Jung, Helmhaus, Zürich

14. Februar – 21. Juni 2020 

Bilder: Plakat zur Ausstellung «Florence Jung» im Helmhaus Zürich, 14. Februar bis 21. Juni 2020

​Reading Rämistrasse: 

Geht der Raum für Kunstkritik verloren, müssen wir handeln. Deswegen schaffen wir diesen Ort für Kritik – Reading Rämistrasse – auf der Webseite der Kunsthalle Zürich und veröffentlichen Rezensionen zu aktuellen Ausstellungen. Diese geben nicht die Meinung der Kunsthalle Zürich wieder, denn Kritik muss unabhängig sein. Feedback oder Fragen? Schicken Sie eine Mail an rosenmeyer@kunsthallezurich.ch 

If art criticism is losing ground, we must act. That’s why we created space for criticism – Reading Rämistrasse – on the Kunsthalle Zürich website and publish reviews of current exhibitions. What is published here does not represent the opinion of the Kunsthalle Zürich. Because criticism has to be independent. Feedback or questions? Email rosenmeyer@kunsthallezurich.ch

11.06.2020