Reading Rämistrasse #33: Daniel Baumann zu Grand miniature von Sentiment

Keine schlechte Idee, einen neuen Off-Space mit einer Sammlung von Modellen zu eröffnen, denn ein Ausstellungsraum ist immer auch ein Modell. Dasselbe gilt für die Ausstellung, das Museum, das Theater, den Konzertsaal, sowie die Kunst überhaupt. Ihre Wirkungsmöglichkeiten liegen zwischen Realität und Fiktion – sind utopisch, kritisch oder beschränkt. Das Leben findet freilich draussen statt, Lockdown hin oder her.

Plakat der Ausstellung mit einem Bild von einem kaputten Spielzeugauto

Olga Generalova und Philémon Otth, die beiden Kurator*innen hinter dem Ausstellungsraum Sentiment, haben fünf Modelle von fünf Künstler*innen in fünf verschiedenen Materialien zusammengetragen. Zwei zeigen ganze Gebäude, die anderen je einen Innenraum. Alle fünf lungern im Irgendwo zwischen möglich, ironisch, utopisch, erinnert oder ernüchtert, und sie tragen, wie Adam Jasper im Begleittext schreibt, Welten in sich. Das ist die Essenz der «grossen Miniatur»: Dass sie alles versprechen kann, aber nichts einlösen muss. Ein bisschen wie die Kunst. Oder wie Träume und Kinderfantasien. Deswegen ist es kaum ein Zufall, dass in Grand miniature das Schloss gleich doppelt vertreten ist. Im Schloss kondensieren sich Allmachtsvorstellungen und Nostalgie idealtypisch, von Schneewittchen bis The Crown; an der Murwiesenstrasse 45 in den Materialien «Fimo Modelliermasse» für Capital House (von Gina Fischli) und in Terrakotta (bei Peter Wächtler). Die Künstler*innen transformieren jeden Traum in eine Über-Realität, die bei erster Gelegenheit zerbricht. Ein Albtraum für den*die Kunstsammler*in.

Installationsansicht mit Terrakotta Modell eines Burgs von Peter Wächtler

Die anderen Modelle zeigen Innenräume. Bei Stefania Carlotti (I want a reckless life, 2020) ist es eine Bar für die Vita spericolata (la voglio piena di guai). Oder mindestens für einen rücksichtslosen, gnadenlosen Abend – zurzeit die Utopie schlechthin. Mathis Altmann hat eine dystopische «Mezwa» entworfen (Retail, Restaurant, Gallery, Living, 2018), ein Mehrzweckgebäude als Alleskönner fürs Prekariat, wo Künstler*innen Verkäufer*innen, Kellner*innen, Galerist*innen und Mensch spielen. Am Schluss, ganz hinten an der Wand, hängt Whitley's Room (2020) von Yannic Joray, der auf die Erfahrungen mit Ausserirdischen des amerikanischen Schriftstellers Louis Whitley Strieber anspielt. Für ihn sind sie nackte Realität. Aber für uns? Ein Modell? Eine Metapher? Eine Kunsterfahrung? So bleibt die unausweichliche Frage, was denn diese Modelle sind, was sie von normalen Architekturmodellen, Bastelbögen und detailgetreuen Modelleisenbahnen unterscheidet. Der Sockel? Das Wissen um die Fallhöhe zwischen Anspruch und Scheitern? Das Spiel mit postkonzeptuellen Ansätzen? Die skulpturalen Qualitäten? Die Ausführbarkeit? Das darüber Geschriebene? Vielleicht gibt es keine Unterschiede.

Grand miniature, Sentiment, Murwiesenstrasse 45, 8057 Zürich

Ursprünglich geplant 4. Dezember 2020–6. Februar 2021 

Bilder: Daniel Baumann, Plakat Benedikt Bock

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15.01.2021