Reading Rämistrasse #50: Aglaia Brändli zu we, symbiotes (wherever we go, we will follow) @ unanimous consent

Spuren auf der Treppe, Rückstände von Fusssohlen, vertrocknete Erdkrümel, die am kalten Beton kleben und sich spröde über die Kanten verteilen.

Eine Betontreppe mit schmutzen Spuren, die unten führen

Ich folge den dreckigen Abdrücken und bin mir nicht sicher, ob ich mich von ihnen bedrängt oder begleitet fühle. Ich folge ihnen und gelange vom Treppenhaus in einen steril anmutenden Raum mit Tisch. Ein Papier fordert mich auf, Daten zu hinterlassen. Jetzt bin ich in einem weissen Raum, und merke, dass die Abdrücke, die mir gefolgt sind – und ich ihnen – sich längst verloren haben. Hier drängt sich nichts auf, nur die feuchte Luft des Kellers. Meine Spur ist weg, ich folge der Wand bis zu ihrem Ende. Hier füllt etwas die Ecke, ganz selbstverständlich und dezent, als hätte der Wind es zusammengetragen.

Ein Raum, der leer zu sein scheint, ausser Staub in einer Ecke

Rückstände, gräulich und fein, kleine Steinchen. Kiesel? Irgendwas war los in diesem Raum, mir muss etwas entgangen sein. Also zurück zum Anfang, zumindest ein paar Schritte. Da ist ein schmaler Raum, ich hatte ihn übersehen. An der Wand, fein und fast verwischt, stehen Striche, Fünferpäckchen, es wurde gezählt, vielleicht. Und wieder, auf dem Boden, Überreste in der Ecke. Diesmal sehen sie anders aus, lockerer, farbiger, wie verdorrte Blättchen von Blumen. Und nochmals, anders, dasselbe, gegenüber. Vielleicht Sand, vielleicht Zement. Der Wind kam wohl aus allen Richtungen. Hinten an der Wand starrt mich etwas an. Gläserne Augen schliessen Wasser ein, längliche, aneinandergereihte Körper, vielleicht fingergross, darin bewegen sich Farben – rot, blau oder grün. Aber eigentlich sind sie eher starr, wie der Draht, der sich um die gläsernen Körper schlingt. Eingeschlossen in einem weiteren, rechteckigen Körper aus Stahl, der aus einem stofflichen Untergrund hervortritt, textil aber stellenweise verhärtet, als hätte er geschwitzt. Schweissperlen – oder Brandspuren? Ich muss weitergehen. An den Ecken mit dem Kiesel vorbei. Endlich wird es wärmer. Eine Sonne an der Wand, ein kleines Glashaus, transparent-offener Grundriss, ohne Dach, lichtdurchflutet – wir teilen uns den Boden. Hinten erneut ein gläsernes Auge, jetzt wirkt es vertraut.

Ausstellungsansicht mit grosser Sonne an der Wand und hängende Fähnchen

Die Sonne scheint auf eine Landschaft voller farbiger Fähnchen, sie ziehen sich durch den Raum, öffnen, strukturieren ihn und lassen in ihrer Verspieltheit einen Moment lang die Zeit verblassen. Wie Feuerwerke prallen sie an einzelnen Stellen auf den Boden, dennoch zärtlich, bilden Sterne, es scheint fast, als könnte ich jetzt den Wind spüren, der hier umherschwirrt, vielleicht, die Präsenz von Tieren, von Organismen, von Menschen, die ihn aufsaugen, ihn aufgesaugt haben, wenn niemand mehr im Raum sein wird.

Auf dem Weg nach draussen laufe ich an dem Tisch mit meinen Daten vorbei, überzeugt, keine Spuren hinterlassen zu haben.

Bilder: Marlijn Karsten, Someone had a talk on Zoom which i couldn’t attend, dirt, dimension variable, 2021; Brigham Baker, Sweepings, diverse material, dimension variable, 2021; Installationsansicht, links Brigham Baker, Shade, 2017, mitte Matheline Marmy, Untitled IV (Absorbed), 2021, rechts Val Minnig, Queere Flaggen, 2020, Fotos Michal Florence Schorro, Courtesy unanimous consent und die Künstler*innen.

we, symbiotes (wherever we go, we will follow), unanimous consent, 08. Mai – 13. Juni 2021, mit Werke von Brigham Baker, Marlijn Karsten, Matheline Marmy und Val Minnig, kuratiert von Julia Hegi und Antonia Truninger

Reading Rämistrasse: 

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07.06.2021