Reading Rämistrasse #49: Gabriela Burkhalter zu Critical Care im Zentrum Architektur Zürich

Wie ein Damoklesschwert hängt die Bedrohung über der Menschheit: der Klimawandel, die Verschwendung und Zerstörung der Ressourcen Luft, Wald, Biodiversität, Wasser und Erde. Auch in der Architektur ist die Nachricht angekommen. Steigende Wasserpegel und Überschwemmungen bedrohen menschliche Siedlungen, die Herstellung von Beton produziert enorm viel CO2, die dichte Bebauung heizt die Städte auf. Lange nahmen Architektur und Städtebau die Probleme jedoch nicht ernst. Reporting From The Front, die Architektur-Biennale Venedig im 2016 des chilenischen Architekten und Pritzker-Preisträgers Alejandro Aravena, gab dem Thema erstmals prominent Raum. Wir realisierten, dass in Manhattan zwar noch immer höher und luxuriöser gebaut wird, anderenorts, v.a. auch im globalen Süden mit Intelligenz und Eleganz ressourcenschonende, sozialverträgliche und ästhetisch innovative Projekte entstehen.

Ein Gebäude als Aussenraum umgebaut. Im leeren Raum des ehemaligen Gebäudes hat es Kies am Boden, Strassenleuchter, ein Baum wachst zur Decke

Heute muss sich jede Architektur-Ausstellung diesem Thema stellen, Wir haben einen grossen Nachholbedarf und wollen mehr über solche nachhaltigen Projekte erfahren. «Care» ist in aller Munde. Die Herausforderung ist jetzt, die schnell wachsende Menge von neuen Ansätzen,  Beispielen und oft zitierten Vorbildern zu strukturieren. Wir stehen zunehmend vor einer Anhäufung und werden von einer gewissen Beliebigkeit überfordert, weil Kontexte, Geographien und Biographien zufällig nebeneinander stehen. Dies ist das Problem der Ausstellung Critical Care im ZAZ, die vom ArchitekturZentrum Wien übernommen wurde.

Im AzW, wo ich die Ausstellung im Sommer 2019 besuchte, hatte man sich für eine lebendige DIY-Ästhetik entschieden. Als Besucherin erhielt ich den Eindruck, dass ich nah am Geschehen das Neuste erfahre. Im ZAZ sind Texte und Bilder wie PDF-Ausdrucke als Tapete statisch an die Wand geklebt. Das Layout nivelliert alles, wodurch die unterschiedlichen Ausgangslagen und der darauf zugeschnittenen Interventionen nur schwierig nachvollziehbar und fassbar sind. Als Besucherin vermisse ich eine fürsorgliche Person, die mich «an der Hand nimmt» und mich durch den (zu) dichten Inhalt führt.

Von oben gesehen, eine Gruppe Schuler*innen sitzen im Kreis rund um architektonische Skizzen und diskutieren

Bei meinem Besuch in Zürich nahm eine Gruppe von Schüler*innen im Foyer an einem Workshop teil und brachte die vermisste Lebendigkeit, Lachen und Energie in den Raum. Sie stellten ihre Projekte den Lehrkräften und der Klasse vor und man konnte von Weitem teilhaben. Daraus entstand eine Situation von tatsächlicher Care. Das Thema war fühlbar und es wurde klar: Die Herausforderung des Klimawandels können wir nicht nur mit Technik meistern, sondern auch mit zwischenmenschlicher Energie.

Critical Care, Architektur für einen Planeten in der Krise, ZAZ Zentrum Architektur Zürich, 26. März–29. August 2021

Bilder: Colectivo 720: Unidad de Vida Articulada Orfelinato, Uva de La Imaginacíon, Medellin, Kolumbien, 2015, © Foto: Sergio Gómez; architecten de vylder vinck taillieu: PC Caritas, Melle, Belgien, 2016, © Foto: Filip Dujardin; Kounkuey Design Initiative: Kibera Public Space Projekt, Nairobi, Kenia, seit 2006, © Kounkuey Design Initiative, Foto: Jesús Porras

 

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28.05.2021