Reading Rämistrasse #64: Damian Christinger zu Esther Mathis in der Binz 39

Wie erzeugt sich genau die richtige Stimmung an einem Filmset? Vielleicht Abenddämmerung um 18:15 Uhr im Oktober, in einer mitteleuropäischen Stadt? Wie zeigt man Kunst in einem Museum, so dass sich sowohl Malerei des 18. Jahrhunderts als auch ein Foto von Nan Goldin gleichermassen ausgeleuchtet fühlen? Wir erinnern uns: am Anfang war das Licht. Fiat Lux. 

Mit dem Menschen kam das Bedürfnis, das Licht zu bündeln, zu lenken, zu verstehen. Die ältesten Spiegel, die archäologisch gesichert werden konnten, sind über 7'000 Jahre alt. Gefunden wurden sie in neolithischen Gräbern in Catalhöyük im türkischen Anatolien. Schwarz polierter Stein, Obsidian, eigentlich geschmolzenes und wieder petrifiziertes vulkanisches Glas, dunkel schimmernd. Ob Archimedes im 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die römische Flotte vor Syrakus tatsächlich mit Hilfe von Hohlspiegeln in Brand steckte, gilt unter Philolog*innen und Experimental-Archeolog*innen als umstritten. Zu lange die Zeit, in der die Schiffe unbeweglich ein Ziel hätten abgeben müssen. Auch ist jenem Autor, der von den zur Waffe gewordenen Lichtbündelungskörpern berichtet, nicht zu trauen. Lukian von Samosata war ausgebildeter Künstler – so behaupten es seine wenigen Biografen – und zu sehr an ästhetischen Fragen interessiert um als Wissenschaftshistoriker in Frage zu kommen. Ihm war das gefährliche Potential einer konkaven Spiegelfläche im nicht nur physikalischen Sinne wichtig. Die Zerstörung der Schiffe durch Archimedes ist bei Lukian auch ein anarchisch-künstlerischer Akt.

Ausstellungsansicht

Und so traue ich auch Esther Mathis nicht ganz, deren Ausstellung «Luminaire» im Ausstellungsraum der Binz 39 zu sehen ist. Der Ausgangspunkt, der von Kristina Grigorjeva kuratierten Werkschau, ist scheinbar harmlos. Zwei gerahmte Fotos aus einer Serie, dokumentarisch anmutend, Oberlichtsäle in einem Museum zeigend. Um zu ihnen zu gelangen, muss ich jedoch an einer metallenen, sich bewegenden Lamellenstruktur vorbei, das leise Surren der Motoren eine erste, leichte Irritation. Zu meiner Rechten ist der Boden mit Glasplatten belegt. Der Oberlichtsaal der Fotografien findet sich dekonstruiert im Raum wieder. Wer ein Original besehen möchte, dem*der sei die Ausstellung von Walter de Maria The 2000 Sculpture im Bührle-Saal des Kunsthauses empfohlen. 

Mein leichtes Misstrauen hat sich gelohnt. Ich bin bereits Teil des Luminaire, verhalte mich in ihm und zu ihm, ob ich möchte oder nicht. Die minimal und konzentriert gehaltene Show von Mathis ist somit typisch für die Arbeitsweise der Künstlerin. Sie untersucht optische Apparate und Wahrnehmung, Licht und Schatten, den Einfluss von Lichtbrechung und Lichtführung auf die Kunst der Moderne, Post-Moderne und Gegenwart. So weit so bekannt, ebenso die oben paraphrasierten historischen Wurzeln.*

Ausstellungsansicht

Gleichzeitig unterläuft Mathis diese Wurzeln und Apparate, stellt sie in Frage und entwirft eine neue, alternative Geschichte des Lichts. Als Teil des Luminaire begegne ich dem Opaken, dem Schatten und der Tonalität der Nacht. Die Geschichte des Wissens und der Aufklärung wird auf den Kopf gestellt, die Hegemonien einer männlich konnotierten Epistemologie erweitert und zerschlagen. Der Beleuchtungskörper, den Esther Mathis meint, ist ein einschliessender Verteiler eines gleichmässigen, platonischen Lichtes.

 

*(Blumenberg, Hans: »Das Fernrohr und die Ohnmacht der Wahrheit«, in: Ders., Galileo Galilei. Sidereus Nuncius. Nachricht von neuen Sternen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1980, S. 7-75; Stafford, Barbara Marie/Terpak, Frances (Hg.): Devices of Wonder. From the World in a Box to Images on a Screen. Catalog for an exhibition at the Getty Research, November 13, 2001 to February 6, 2002. (Getty Research Institute, 2001) Getty Catalog Press Release; Crary, Jonathan: Techniques of the Observer. On Vision and Modernity in the Nineteenth Century, Cambridge, Mass.: MIT Press 1990; Weigl, Engelhard: Instrumente der Neuzeit. Die Entdeckung der modernen Wirklichkeit, Stuttgart: Metzler 1990; Mit Dank an Nicola Gess für die Zusammenstellung.)

Esther Mathis, Luminaire, Binz 39, Sihlquai 133, 8005 Zürich

19.8.–18.9.2021

Bilder: Esther Nora Mathis

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14.09.2021