Sam Taylor-Wood

01.11.1997-28.12.1997
Sam Taylor-Wood
German
Week

Kunsthalle Zürich
Limmatstrasse 270
CH-8005 Zürich

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Die englische Künstlerin Sam Taylor-Wood zeigt erstmals im grossen Rahmen verschiedene Videoprojektionen und Fotografien in ihren Wechselwirkungen. Diese machen allmählich deutlich, dass der rückhaltlos auf sich gestellte und doch Gemeinschaft suchende Mensch das Leitmotiv ist, oder die unter heutigen Voraussetzungen gestellte, aber uralte Frage nach der condition humaine. Schnörkellos und direkt sind ihre filmischen und fotografischen Szenarien, mit zeitgemässen technologischen Mitteln entstanden, etwa der raumgreifenden Endlosprojektion, oder der beinahe acht Meter langen Vergrösserung von Fotografien auf Vinyl. In fünf Sekunden dreht sich eine Spezialkamera um 360 Grad und rollt Panoramen herrschaftlicher oder loftartiger Interieurs vor unseren Augen auf, untermalt von aufgezeichneten Geräuschkulissen. Zwar halten sich jeweils mehrere Personen gleichzeitig im bühnenartigen Raumambiente der Fotografie auf, können sogar im Liebesakt oder Streit verbunden sein, und doch scheint ihr Miteinander eher Abhängigkeit anzudeuten. Momente der Geistesabwesenheit werden sichtbar, des Abwartens und der nervösen Langeweile, die eigentlich die Sprengkraft des Titels "Five Revolutionary Seconds" nur dem technischen Wunder zugestehen.

Hängt über diesen Szenen ein Hauch von luxuriöser Saturiertheit, streitet in der Videoinstallation "Travesty of a Mockery" (Karikatur eines Gespötts) ein junges Paar in psychischer Hochspannung und mit aller Deutlichkeit seiner Worte: "You don't fucking love me." Frau wie Mann befinden sich zwar in derselben Küche, aber in je eigenen Bildräumen, die über Eck projiziert werden. Dies verdeutlicht auf räumliche wie metaphorische Weise ihre Isolation und stellt den Betrachter sozusagen dazwischen. Rohe Schnitte unterbrechen und Muzak verfremdet die Küchenschlacht, die ohne Klimax und Ende in schwelender Ungewissheit bleibt.

Sam Taylor-Wood zeigt Leidenschaft gepaart mit Fatalismus. Eine Summe dieser durchaus heftigen Fokussierung der existentiellen Malaise zieht das Opus "Pent-Up" (Angestaut), das simultan fünf Projektionen mit je einem Akteur aneinanderreiht. Zwei Frauen und drei Männer monologisieren, auf der Strasse umhergehend, in einer Bar wartend, in einem Innenhof wie ein Gefangener kreisend, im Stuhl vor sich hin starrend, oder im Schlafzimmer herumlungernd. Jeder ist alleine mit seinen Gedanken, Wünschen, Angsten und Hysterien. Er ist Teil eines Stimm- und Posenreigens, der ereignislos und kakaphonisch ist und doch so raffiniert wie eine Oper ohne Musik komponiert wurde, dass man andauernd den Eindruck hat, dass einer von ihnen auf das Gesagte des anderen reagiere, es doch einen inneren Zusammenhang zwischen diesen Leuten geben könnte.

Im Spannungsfeld, das mit dem Schlagabtauch in "Travesty of a Mockery" und dem Quintett der Begegnungslosigkeit in "Pent-Up" als Eckpfeiler aufgebaut wird, verheisst einzig der alleine in einem Zimmer tanzende Nackte in "Brontosaurus" so etwas wie ein Glückszustand. Er tanzte zwar zu hektischen Jungle-Rhythmen, dazwischen in klassischen Tanzposen ausruhend. Aber die technische Verfremdung in Zeitlupe und ein Soundwechsel - überblendet ist nun ein Adagio von Samuel Barber - verschafft seinen Bewegungen eine elegische Schwerelosigkeit, das Gefühl des Übergangs in eine unbegrenzte Ausdehnung, wo sich aber das Leben zum Tod verabschiedet.