Playpen & Corpus delirium

05.10.1996-29.12.1996
Playpen & Corpus delirium
German
Week

Kunsthalle Zürich
Limmatstrasse 270
CH-8005 Zürich

Tel: +41 (0) 44 272 15 15
Fax: +41 (0) 44 272 18 88

info@kunsthallezurich.ch

EIN ZWEITER BLICK AUF WERKE VON MOIRA DRYER, ROBERT GOBER, NORITOSHI HIRAKAWA, GEORG HEROLD, MIKE KELLEY, JEFF KOONS, JONATHAN LASKER, SHARON LOCKHART, STEVEN PIPPIN, RICHARD PRINCE, GILLIAN WEARING

Ein zweiter Blick vertieft, meint hier ein erneutes Betrachten und Sichten von Werkgruppen aus den 80er und 90er Jahren, ein Reflektieren aus einer zwar kurzen, aber doch bereits historischen Distanz zum Entstehungsmoment und ihren ersten Wahrnehmung heraus. Die sozusagen klassische Attitüde der Ausstellungskonzeption bezieht sich auf den erweiterten Erfahrungshorizont und soll damit - exemplarisch - auch das Jetzt beleuchten. Ausgehend von Werken, die die Domestizierung der kindlichen Erlebniswelt und gleichzeitig der künstlerischen Fiktion offenlegen, eröffnet sich in verschiedensten Medien eine Perspektive ohne definitorische Programmatik. Bei aller Undurchsichtigkeit der Realitätserfahrung und Ferne ganzheitlicher Weltbilder bleibt der Wunsch nach Entgrenzung, die Erinnerung an das abwesende und doch spürbar gesuchte Andere, die sich an das Gewöhnliche und Standardisierte bindet. Konstanten der Kunst der 80er Jahre und ihre Weiterentwicklung bis heute vergegenwärtigen sich in Formen der Erinnerung, die nicht nur die Kindheit, sondern ebenso die stereotypisierte Geschlechterthematik oder die Malerei als Erinnerungsform schlechthin beinhalten. Dies geschieht mehr in assoziativen Verknüpfungen als in analytischer Stringenz, angedeutet in der durch zwei Werktitel zusammengesetzten Ausstellungsüberschrift Playpen & Corpus delirium".

„Playpen“ (Laufgitter), ein 1986 von Robert Gober geschaffenes Werk, weist auf die familiäre Beschneidung, ja physische Gefangennahme der kindlichen Welteroberung. Dieser bildgewordene frühe Verlust der Unschuld setzt sich in Analogie zum Eingeständnis in die verlorene Unschuld der künstlerischen Imagination, deren Absolutheitsanspruch im Zeitalter entschwundener Utopien ebenso relativiert dasteht. Das Laufgitter wird sozusagen als Corpus delicti von Robert Gober in subtilster Handarbeit wiedererschaffen, die die Annäherung gerade auch an die unbewussten Schichten früher emotionaler Prägungen mit allen Verboten und Schrecknissen schafft. Mit „Corpus delirium“ betitelt Georg Herold wiederum einen 1989 entstandenen Holzkorpus, der hausfräuliche Not birgt, das Delirium tremens der Putzwut. Die aufsässige Kombinatorik von Reinigungs- und Bekleidungsutensilien, die etwa einen Besen zur Scham werden lässt, legt die hinter der Fassade hygienischer Normalität versteckte Triebstruktur frei, die die anthropomorphe Konstellation im Innern des Gehäuses wie ein Insekt zappeln lässt. Auch der Fokus auf häusliche Intimität wird bodenlos, fängt sich im gesellschaftlichen Status Quo der Ubersozialisierung und Vereinzelung. Wohin entwickelt sich die künstlerische Obsession? Der Blick zurück in die Kindheit ist unnostalgisch und aufgeklärt, das Bild des Künstlers als Enfant terrible porös geworden. Vielleicht wird mit Appropriation und Simulation ein letztes Tabu gebrochen, nämlich dasjenige der autonomen künstlerischen Schöpfung. Hier zeigt jedoch der zweite Blick, dass gerade Formen des Unauthentischen zur Bildung neuer künstlerischer Identität genutzt werden können.