Reading Rämistrasse #10: Jörg Scheller über die App-Gruppenausstellung FitArt bei Roehrs & Boetsch

Die Corona-Pandemie hat nicht nur das Wirtschaftssystem, sondern auch das Kunstsystem aus seinen üblichen Bahnen geworfen. Als Künstler gelten heute jene, die ihr Werk in der Öffentlichkeit sichtbar machen, Publikum anziehen, medienöffentliche Diskurse triggern und auf öffentlichen Messen reüssieren. Was tun, wenn ein Virus – genauer gesagt: die politischen Reaktionen auf eine Viruspandemie – diese Öffentlichkeit, zumindest vorübergehend, suspendiert?

Während herkömmliche Ausstellungshäuser während des Lockdowns eher hilflos herumbloggten und -posteten, hat sich Corona für die Zürcher Galerie Roehrs & Boetsch als Wink des Schicksals erwiesen. Roehrs & Boetsch sind auf Digital Art spezialisiert. Von Beginn an stellten die unweit der roten Fabrik gelegenen, repräsentativen Galerieräume einen gewissen Widerspruch zur – potenziellen – Ortsungebundenheit digital generierter Kunst, insbesondere der Net Art, dar. Nun haben Roehrs & Boetsch ihre Galerieräume, inmitten der Krise, aufgegeben. Die neue Galeriekonzeption entspricht eher der «Digitalen Gesellschaft» (Armin Nassehi) als die bisherige: «Through new applications, home deliveries and virtual reality we are bringing the work of our artists directly to you», heisst es auf der Internetseite. Kurz gesagt, finden Ausstellungen nicht mehr an einem Ort, sondern zwischen Orten statt. Darin ähneln sie den flexiblen Fitness-Workouts der Gegenwart, die sich nicht mehr auf das Gym konzentrieren, sondern überall stattfinden können sollen – im Park, im Büro, zuhause. Mit der App "FitArt | Connected in Isolation" haben Roehrs & Boetsch am 16. Juni ihre erste «In-App Show» eröffnet. In einer Zeit künstlerischer Allzuständigkeit darf die Kunst bei der biopolitischen Grundversorgung nicht fehlen! Bis zum 16. Juni 2021 sind über die App kurze Fitness-«Workouts» der Künstler Jeremy Bailey, Petra Cortright, Damjanski, Constant Dullaart, exonemo, Elisa Giardina Papa, Lauren Huret, JODI, Sam Lavigne, Olia Lialina, Jillian Mayer, Evan Roth, Sebastian Schmieg und Molly Soda abrufbar.

Es handelt sich um überwiegend ironische, trashige Clips, in denen mal internettypische Fingerbewegungen vorgeführt werden (Tap to Change, Molly Soda), mal ein veritabler Bootcamp-Parcours absolviert wird (Surveillance Training, Jilian Mayer). Schon die Stuntfrau und Künstlerin Helga Wretman hat in ihrer Studio-Visits-Reihe «Fitness for Artists» (2010-2015) die scheinbar inkompatiblen Welten der neoliberal-affirmativ konnotierten Fitness und die der als kritisch-unabhängig-eigensinnig geltenden der Künste miteinander verbunden (heimlich rennen natürlich trotzdem alle ins Gym, spätestens nach dem ersten konzeptkunstbedingten Bandscheibenvorfall). Doch während Wretman durchaus ernsthaft bemüht war, das Klischee des muskelschwachen, anämischen, moribunden Kopfkünstlers zu durchkreuzen, bestätigen Soda & Co. in ihren Workout-Persiflagen dieses tendenziell. Hier könnte man für eine zweite Ausgabe der App ansetzen: Warum nicht mal jenseits des ironischen Schutzwalls echte künstlerische Alternativen zu herkömmlichen Fitness-Influencern entwickeln, einen echten Art Pump? Anknüpfungspunkte aus der Kunstgeschichte gäbe es genug – von Franz Kafka, der das Heimtrainingssystem von Dr. Müller praktizierte, über Andy Warhol, der Hanteln stemmte, bis hin zur erwähnten Helga Wretman oder Matthew Barney, dessen Werk massgeblich von (Extrem)Sport inspiriert ist.

 

Die App kann kostenlos auf iOS 13+ und Android Geräte heruntergeladen werden.
FitArt | Connected in Isolation
16. Juni 2020 – 16. Juni 2021

 

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18.08.2020